Sonntag, 3. März 2013

Wienumrundung III: Gerasdorf - Nußdorf


Gerasdorf – Bahnstraße – Marchfeldkanal – Stammersdorf – Bisamberg – Wagramer Straße – Jedlersee – Nußdorf. 27 km

2. März 2013.

Auf nach Gerasdorf!  8.35 Ankunft, Der Slogan der Gemeinde lautet „Fühl mich wohl bei dir.“. Der Zug führe weiter, nach Mistelbach. Eine Werbung am Bahnhof verwirrt mich: „Obdachlos in Gerasdorf!“ – aber wenig später finde ich heraus, dass hier ein Immobilienmakler für seine Dienste wirbt.  Der Bahnhofswirt, der frühere legendäre „Zum Joschi“, wurde neu übernommen und heißt mittlerweile „Kathi und Marto“. Im Lokal überwiegt immer noch der resopalerne Charme, auch wenn Sportwettenautomaten und ein Großbildschirm eingezogen sind, auf dem die Wiederholung eines Damen-Beach-Volleyball- Turniers läuft. Der Stammtisch wurde noch vom „Zum Joschi“ übernommen, an dem drei ältere bis alte Herren sitzen. Einer von ihnen hat in einer Hand ein Achterl, mit dem Rücken der anderen streicht er gedankenverloren über eine große Bona-Öl-Dose, die vor ihm steht.

Der „Joschi“ ist in Pension

Die Schrankenanlage am Bahnhof ist offensichtlich ausgefallen, und zwei mürrische Herren der ÖBB müssen seine Rolle übernehmen. Gleich daneben befindet sich Lagerhaus und ein gar nicht einmal schmächtiger Lagerhausturm, ein untrügliches Zeichen, sich auf niederösterreichischem Boden zu befinden. Es ist der zweite Tag der Sedisvakanz und der Vortag der niederösterreichischen Landtagswahl und verschiedene wahlwerbende Gruppierungen haben entsprechende Plakate affichiert: „Saubere Madeleine“ oder „Wählen Sie Mandl, Mag., Lukas!“. „Mut zur Heimat.“, „Klar entscheiden“ u.ä.  Ich gehe entlang der Bahnstraße, die niedrigen Häuser und die Erdkeller erinnern eher an einen Weinbauernort. Aber wohl gehört Gerasdorf eh zum Weinviertel. Später folge ich dem Gemeindeweg, biege nach Norden ab, Richtung Machfeldkanal. Vor mir hüpft ein falscher Wiederhopf und begleitet mich ein Stück des Weges. Mein nächstes Ziel ist Stammersdorf, und in der Ferne sehe ich Donauturm und Milleniumstower.

Pralles Leben auf den zweiten Blick

Der Marchfeldkanal wurde Anfang der 80iger gegraben, um zu verhindern, dass der Grundwasserspiegel im Marchfeld absinkt. Offensichtlich war dieser in den Siebzigern massiv gesunken, was insofern bedenklich ist / war, weil eben das Marchfeld als Kornkammer und Gemüsegarten Österreichs gilt und gleichzeitig das größte Grundwasserreservoir Österreichs sei. Bei Langenzersdorf wird er, der Kanal, mit Wasser der neuen Donau gespeist und reicht bis zum Rußbach bei Deutsch Wagram. (Interessanterweise fließt nicht der Rußbach durch Niederrußbach und Oberrußbach im Weinviertel sondern der Hundsgraben. Warum nur? Eine offene Forschungsfrage für HeimatkundlerInnen!) An einer Schautafel steht hier am Kanal zu lesen: „Das pralle Leben im und rings um das Gewässer enthüllt sich erst auf den zweiten Blick“.
Auch muß ich zugeben, dass ich schon hier zu schwächeln beginne, der Muskelkater vom Vortag (und das Ölmützer Schnitzel…) sowie das mangelnde Training der Vormonate  fordern Tribut.


Die Wessely am Bisamberg


Langsam nähert man sich dem Bisamberg, und ich genieße Sonne und freue mich auf den Fernblick. Erstmals bergauf, weit kann er nicht sein, der Bisamberg. Entlang der Brünner Straße geht es zum Rendezvous Berg, bei dem ich (nur mit Mühe) die Brünner Straße quere. Hier hatte Erzherzog Karl 1809 den französischen Kaiser getroffen, und gleich mehrere österreichische Kaiser hatten hier eine Jagdhütte, unter anderem auch Franz Stefan, der Gatte Maria Theresias. Seine Jagdgesellschaften hätten den Berg hier als Treffpunkt, quasi als Rendezvous, gewählt. Ich entsinne mich aber dunkel an einen alten österreichischen Film aus den Fünfzigern, Paula Wessely gab die Maria Theresia, der Fred Liewehr den Franz Stefan, und an das verbitterte Gesicht der Wessely, weil sie den Kaiser (Liewehr) bei seiner Geliebten wähnte. Wer weiß ob hier wirklich bloß der Treffpunkt der hochherrschaftlichen Jagdgesellschaft war oder ob der Maria Theresia bei der Erwähnung des „Rendezvous-Berges“ immer das sprichwörtliche G’impfte aufgegangen ist.


Ein Gulasch vom Gehrer?

Langsam wird es Mittag, und ich strebe dem Magdalenenhof zu, der ja am Bisamberg thront. Ich gehe zuerst über eine G’stetten, die in der Wissenschaft, so entnehme ich es einer Schautafel, als „Ruralfläche“ firmiert. Wie den Horizont beschreiben? Wunderbare Ausblicke vom Rinterzelt bis zum Kahlenberg. Meere von Windrädern. In der Ferne die Schlote der Kraftwerke, die Platte, der Donauturm. Ein verschwindender Stephansdom, Milleniumstower, müllverbrennender Hundertwasser. Zwischenzeitlich blinkt die goldene Kuppel des Wasserturms in Favoriten. Beim 63er Wald geht es über ein Schneefeld (die Alpinisten würden Tränen lachen, mir ist es anstrengend genug) weiter, zur Hagenbrunner Straße.

„Die Donau blitzt aus tiefem Grund,
der Stephansturm auch ganz von fern,
guckt übern Berg und säh´ mich gern ...“


  ist die Inschrift des_Eichendorff Denkmals, der hier offensichtlich öfters lustwandelte. Warum ein Oberschlesier den Bisamberg besingt, hat sich mir noch nicht erschlossen.
  Und firmiert der Magdalenenhof? Nein, das Gasthaus ist „bis auf weiteres“ geschlossen, man freue sich auf ein baldiges Wiedersehen. Ich ziehe nicht als einziger enttäuscht weiter. Als Abstieg wähle ich mehr zufällig als beabsichtigt den Klausgraben, der den Bisamberg tief einschneidet. An der linken und rechten Flanke „kleben“ Häuser und ich bewundere abenteuerliche Auffahrten zu schmucken Eigenheimen; ein/e besonders findige/r Häuslbesitzer/in hat sich sogar eine kleine Materialseilbahn gezimmert. Unten angekommen kommt mir die gegend bekannt vor, und tatsächlich, wenige hunderte Meter vom Klausgraben ist der Hauerbetrieb Schilling. Hier hat meine älteste Freundin (alt nicht im biologischen Sinn) ihr rauschendes Hochzeitsfest begangen, aber leider, zu Mittag hat der Schilling geschlossen. Also ums Eck zum Vintschger’l, die Braut wurde seinerzeit hierher nicht entführt, aber das hätte man durchaus andenken können.

Avenue Wagram, Schnellbahnunterführungen und Jedlersee

Bei der Strebersdorfer Schnellbahnstation geht’s dann weiter, Autokaderstrasse (ein wundervoller Name), und über die Jedlerseer Brücke zur Donauinsel.  Ich bin mürbe und will heim. Über den Nordsteig zum Endpunkt, die Schnellbahnstation Nußdorf.


Samstag, 2. März 2013

Wienumrundung, Teil II: Von der Donau nach Gerasdorf


1. März 2013

Kaisermühlen - Lobau – Dechantlacke – Napoleonweg - Essling - Neuessling - Hirschstätten - Breitenlee - Gerasdorf.

26 km, 120m Aufstieg, 134m Abstieg.

Gegen Mittag, am ersten Tag der Sedisvakanz,  besteige ich die U2 und reise an die Donau, genauer an die Donaustadtbrücke. Ich schwindle also ein bisschen, und kehre nicht nach Freudenau zurück – um diese Tageszeit ist die Busverbindung  eher schütter, und anstatt in der Donaumarina eine halbe Stunde zu warten kürze ich so ab.

Leider ist, gegen die Wettervorhersage, von Sonnenschein nichts zu sehen und allzu trübes Wetter begleitet mich den ganzen Tag. In einer Shell, kurz nach der U-Bahnstation, nehme ich mein Mittagessen ein, schon auch deswegen, weil hier ansonsten im Spätwinter nichts ist: die Gasthäuser, die Standln, die Kioske sind alle noch in Winterpause. Zu Beginn überholt mich noch ein Kleinlastwagen der via Donau, der auf der Ladefläche einen Außenbootmotor spazieren fährt. Aber dann beginnt die Stimmung seltsam zu werden, kein Radfahrer hat sich hierher verirrt, obgleich der Radweg nach Hainburg hier beginnt, kein Jogger, kein Spaziergänger mit Hund. Was nicht zu dieser Einsamkeit in der Stadt passen mag ist die Geräuschkulisse: hinter einem Erdwall brausen die KraftfahrerInnen verborgen vorbei und auch die Ostbahn ist weithin zu hören. Und aus den Kanaldeckeln steigt nicht der beste Duft empor. Der Winter hat die Landschaft noch fest im Griff, und die einzigen Spuren des Frühlings sind wenig später ein paar niedergetretene Schneeglöckchen in einem kleinen Vorgarten. Gut ist’s, dass ich bei tristem Novemberwetter meine Handschuhe mithabe. Wo ansonsten entlang der Donau Schweine und Lämmer bruzzeln, sieht man nur schwarze Mulden voller Holzkohlenstaub. 
Vor gar nicht allzu langer Zeit dürfte die Donau Hochwasser geführt haben, ein paar Schlammreste auf der Straße zeugen davon, aber auch die noch nicht entfernten Absperrungen. Ich gehe entlang des Kaisermühlendamms in Richtung Villa Wahnsinn. Später heißt‘s dann Biberhaufenweg, und man sieht hier, gegenüber der Donauinsel und wenig später in der Lobau, die Spuren der namensgebenden Viecher.

Chefredakteure, ihre Kalbsbackerln und die Windräder

Am Horizont sieht man zwei kümmerliche Windräder, die einsam auf der Donauinsel ihre Runden drehen. Der niederösterreichische Landesvater würde sich in’s Fäustchen lachen, wenn er die sieht. Windräder und sie bekämpfende und befürwortende Bürgerinitiativen sind ein mich faszinierendes Thema, das auch den aktuellen Falter, den Leitartikel und seinen Chefredakteur dominiert. Es scheint ein Muster zu sein, dass älter werdende JournalistInnen ihre Liebe zum Kochen entdecken und ins Waldviertel ziehen. Dort blicken sie aus dem Küchenfenster, wohlgefällig auf ihre vor sich hinschmurgelnden Kalbsbackerln (mit frischem Lorbeer) blickend, und fürchten sich, obwohl eigentlich grün - und alternativenergiebewegt, dass die sanften Hügel vor ihrer Zweitwohnsitzhaustür von einem Windrad verschandelt werden. Das Yin und Yang des Windrades.
Beim „Roten Hiasl“, einem wenig einladen Lokal („erste Wiener Fahrradtankstelle“) zweige ich in Richtung Lobau ab und besuche das Nationalparkhaus Lobau, das auf die Liste „das kann ich auch mal mit den Kindern besuchen“ kommt.

Kein Bärlauch an der Dechantenlacke

Die Dechant-Lacke und das sie bewohnende Schwanenpaar leiden unter den Resten ihrer winterlichen Decke. Ringsum zwischen Birken, Weiden und Pappeln keine Spur von Bärlauch oder auch nur Bärlauchspitzerln; es war ohnehin nur eine kurze, in mir aufkeimende Hoffnung. Nach dem Josefsteig stoße ich auf die Vorwerkstraße, und unter mächtigen Starktromleitungen komme ich zum Napoleonstein. Hier zweigt der Weg  Richtung Essling ab, und auf dem Schotter begegnet mir eine überschminkte Dame mit wallendem Mantel und in Stöckelschuhen, die mit ihrem Vater, am Telefon, ihre Beziehungsprobleme mit einem ‚Rainer‘ diskutiert und so gar nicht hierher passt. Links Schilf, rechts landwirtschaftliche Nutzfläche mit einem einsamen schwarzen Raben.
Bei der Esslinger Furt verlasse ich die Lobau. Das im chinesischen Stil gehaltene Gasthaus „Jadewald“ ist wegen Umbau geschlossen, im reich verzierten Betonbiotop im Gastgarten tummeln sich keine übergewichtigen Goldfische, sondern am Grund des Beckens liegen nur die Reste eines japanischen Zierapfels.


Hier hat das Haus noch Grund und Esslings Liebreiz

In der Kirschenalle hat das Haus noch Grund. Umso mehr ist es verwunderlich, dass einer der Eigenheimbesitzer seinen gesamten Garten, ja, asphaltiert hat. Ein paar weiße Parkplatzstreifen sind die einzige Zierde hier, und kein Grashalm stört das Idyll. Ansonsten ist zur schnurgerade Kirschenallee zu sagen, dass sie von Kirschbäumen gesäumt ist und mit ihren über 118 Nummern durchaus Länge aufweist.
Esslings Liebreiz ist endend wollend. Hier versage ich mir, das Wiener Restaurant „Esslinger Queen“ aufzusuchen und nehme meine Jause im örtlichen Zielpunkt ein. Dort, eine Leberkäsesemmel eröffnend, werfe ich einen Blick auf meine emails. H. berichtet, dass er an diesem Tage zu seiner Weltreise aufgebrochen ist – Mumbai, Osterinseln, Japan und ähnliches. Nach Essling kommt er nicht. Essling geht in Neuessling über, vorher durchquere ich noch den Wald der jungen WienerInnen aus dem Jahre 1998, eine Aufforstungsaktion der MA49. 10.000 Bäume werden p.a. in den waldärmeren Gegenden Wiens gepflanzt, 15 Jahre sind jedenfalls kein Alter für einen Wald.


Skaleneffekte im Neubau

Dann stoße ich auf klassische Neubaugebiete rund um die Karl Beck Straße. Die Polizei greift hier regelmäßig betrunkene Familienväter auf, weil sie ihre Häuser nicht unterscheiden können und den Heimweg nicht mehr finden. Kein Wunder, selbst die vertrockneten Erika-Stöckerl auf den Klofenstersimsen gleichen einem den anderen, von Haus zu Haus. Aber auch ein wenig weiter, in der Casinonestraße, haben die BauherrInnen bis in die letzte Konsequenz Skaleneffekte lukriert. Es wäre ein interessantes Projekt, einmal die Einfamilien-Neubausiedlungen der letzten Jahre zu dokumentieren. Die architektonische Uniformität ist jedenfalls am Vormarsch. Ich bin froh, wieder in Gegenden zu kommen, in denen die Siebziger und Achtziger dominieren und die obligaten Steinlöwen am Gartentor.
Vom Telefonweg (mit 8 km angeblich Wiens längster Weg) geht es weiter Richtung Hajdjöchl. Hier sehe ich wieder ein Glashaus, von denen ich, angesichts der vielen wässrigen Wiener Gurken und Tomaten, hier im Zentrum der Wiener GärtnerInnen, vielmehr erwartet hätte. Man versteht sich hier auf das Flicken zerborstener Glashausglasflächen, nicht nur eine Scheibe ist in Eigenregie repariert. Weiter auf der Ostbahnbegleitstraße, die im übrigen erst 1988 so benannt wurde und von wenig Phantasie in der Straßennamengestaltung in der ersten Legislaturperiode Zilk zeugt.

An der Stadtentwicklung vorbei

Hier, irgendwo zwischen Telefonweg und Ostbahnbegleitstraße, verliere ich den Faden und somit den Weg. Ein Grund hierfür ist sicher der mächtige Betonguß am Horizont, der Schotterberg und das lange Grübeln, was zum Teufel das hier wohl eigentlich ist – das Stadterweiterungsgebiet Seestadt Aspern. Heute besteht es noch aus einer einsam im Wind flatternden Fahne und einer Bohranlage zur Sondierung der Geothermie. Vom ehemaligen Flugfeld oder den späteren Autorennen dort findet man keine Spur. Ich habe also den markierten Weg verlassen, und anstatt endlich zu den Pony-Seen zu gelangen – eigentlich ein Höhepunkt der Wienumrundung – marschiere ich nicht endend wollend entlang der jungfräulichen Betonmauer der U2-Verlängerung, zur Linken ein Wohntraum im Kleingartenbereich, Sonnenuhren an den Wänden, Krickerlschmuck, blecherne Carports.
Endlich kann ich die U2 unterqueren, ich komme in Richtung Quadenstraße zum Gasthaus Hansi, in dem ich den Nachmittagskaffe einnehme.  Morgen gebe es Tanz mit Frankie Martin, jeden Mittwoch trifft sich hier die Sektion 2 der Donaustadt zum Stammtisch, und ein Speed-Date-Seminar wird ebenfalls beworben.
Im 22. Bezirk gibt es noch unbefestigte Straßen, wie die Bodadskygasse und die Grete Zimmergasse, über die ich jetzt weiter ziehe. Keine Spur von der Markierung des Wanderweges, aber das macht nichts, es wird hier anderswo auch nicht schöner sein. Neurisse, Breitenleer Straße, Schottenobst - Obstbau aus den Klostergärten, gleich neben dem Breitenleer Kircherl. Im Agavenweg stoße ich wieder auf den Stadtwanderweg 10. Gleich daneben ein tief eingegrabener Schotterteich mit wenig Schilf und einigen hübschen Häusern, man könnte in Breitenlee auch nett wohnen. (Agave, Akazie, Azalle, Schneeball, der Straßennamensgeber hat es hier mit Pflanzen). Ich stoße an die S2 und irre ein wenig in der einbrechenden Dämmerung umher, insgesamt überschreite ich die Schnellstraße dreimal, in Serpentinen nähere ich mich einem riesigen Möbel Ludwig. Nun wäre es stimmig, hier noch mein Abendessen einzunehmen, einen Grillteller mit Mägele-Kräuterbutter zum Beispiel, oder im danebenliegenden Zgonc Berner (wenn es sowas wie ein Zgoncrestaurant gibt). Ich gehe aber weiter und bekomme Zug zum Tor, über den Campingplatzweg geht es zu meinem Ziel in Gerasdorf.


Mittwoch, 23. Januar 2013

Für Zwischendurch: Eine Wienumrundung, Teil I: Freudenau - Alterlaa

Kraftwerk Freudenau - Kaiserebersdorf - Zentralfriedhof - Kledering - Laaer Berg - Oberlaa - Inzersdorf - Alterlaa

22.1. 2013. 25 km, 231 m Aufstieg. Wien XI, Wien X, Wien XXIII

Man will nicht einrosten und sich in Form für Bevorstehendes, Größeres halten. Also schiebe ich eine Wienumrundung ein.


Ich war noch nie in Donaumarina

Am Kraftwerk Freudenau
Rund um Wien gibt es mehrere Varianten für WanderInnen: Den Stadtwanderweg 10, den Stadtwanderweg 11 und den rundumadum - Weg der Uli Sima. Ich entschließe mich, auf Eklektiker zu machen und aus den Wegen zu kombinieren. Geplant sind 5 Etappen, in etwa 125 km insgesamt.
Ein Start an der Donau, gleich beim Kraftwerk erscheint mir angebracht. Die Anreise Richtung Freudenau erfolgt via U2 / Donaumarina und 80B. In Donaumarina war ich noch nie, sehr wohl aber der ÖGB, der hat nämlich seine Zentrale gleich neben der U2 Station.  Daneben ein mit Schüttbildern verziertes Parkhaus. Die Weiterreise durch den Donauhafen ist landschaftlich reizvoll, links Container, rechts Container, Containerschluchten. Das Kraftwerk Freudenau befindet sich im Winterschlaf, und der Donaukanal mündet träge in die Donau ein.


Weiter Richtung Simmering, über großzügig angelegte Überführungen, es werden nicht die letzten des Tages sein. Der Weihnachtscircus Belly bewirbt großflächig seine Vorstellungen bis Ende Jänner d.J..

 

Tag der Technologiepolitik

Sägespänesieberei und Holzmühle Hofmann
Heute schlackere ich mit den Ohren, denn ich "treffe" die ganze Zeit auf "alte Bekannte" aus dem beruflichen Umfeld. Schipanygasse, ein Stapel des Ziegelwerkes Pichler, Naturblumen Novak, Wäscherei und Färberei R. Goebel, Zinnergasse, Gadnergasse. Ein Deja vu jagt das andere.
Abgelenkt werde ich von den städtebaulichen Wundern in Simmering. Meinerseel, was ist denn den Architekten hier eingefallen - ein hässlicher Klotz nach dem anderen. Ein Klotz mutet sogar an als wäre er mit braunem Plastikfurnier verkleidet. Schön wäre es, könnte man diese Verbrechen einer Epoche zuordnen, etwa "Meinerseel, so hat man halt gebaut in den Fünfzigern!" - aber die Verbrechen ziehen sich bis ins Heute. Im Falter schreibt der junge Chorherr kürzlich, die Stadtplanung müsse aus der Vergangenheit lernen. Ja, bitte. Ein Posten der Firma Siwacht vor der örtlichen Raiffeisenkassa in der Etrichstrasse  erinnert mich daran, dass hier das "wilde" Simmering ist.
Beim Leberberg werden die Silos von Kleingartenhäusern zum ganzjährigen Wohnen abgelöst. Jede zweite Straße ist nach einem Simmeringer SPÖ-Bezirkskaiser aus der Mitte des letzten Jahrhunderts benannt, was in sich stimmig ist.
Schnurgerade geht es Richtung Zentralwerkstädte der Wiener Verkehrsbetriebe, an denen ich Richtung dem Bahnhof Kleinschwechat entlangschleiche. Die Awarenstraße und Alicestraße sind anheimelnde Gegenden Wiens, in denen der Leberberger Kleingärtner im Sommer heimlich seinen Grünschnitt ablagert. Links und rechts Industrie, zum Teil schon etwas überwuzlt, Höhepunkt ist die Holzmühle Hofmann (siehe Bild).  Aber auch "Buntmetalle Lanza" nimmt mich für sich ein, nicht nur wegen der Namensgleichheit mit dem zu früh verstorbenen Mario Lanza ("Serenade", "Der Fischer von Louisianna"), sondern auch wegen der Waschbetonfassade.  Jansky Tierbedarf, ABW Entsorgungsbetriebe, es riecht nach Kläranlage. Dann erstmals Blick aufs freie Feld, und in der Ferne der Verschubbahnhof Kledering.

 

Zwischen Zentralfriedhof und Kledering

Ich gehe entlang der Zentralfriedhofsmauer, Autos zischen an mir vorbei und ich freue mich auf den Verschubbahnhof. Andere würden den Weg durch den Friedhof wählen, aber ich will die Brücke über den Bahnhof nicht versäumen und bin wohl der erste in 2013, der über die Mylius-Bluntschi-Strasse geht. Hätte ich zu dem Zeitpunkt schon in Wikipedia nachgeschaut, ich hätte mich nicht im Geiste über den Vornamen Mylius lustig gemacht sondern ihn als Nachnamen eines der Architekten des Zentralfriedhofes identifiziert.
Der Zentralverschiebebahnhof Kledering ist ein früher Höhepunkt der Wienumrundung, Güterwagone soweit das Auge reicht. Ein Wermuthstropfen ist allerdings, dass die sensationelle Aussicht von der Brücke über den Bahnhof durch Milchglasscheiben behindert wird. Auch Geräuschmäßig macht der Bahnhof etwas her, wenn die scheinbar führerlosen Wagons über die Bremselemente des Abrollberges donnern. Im Hintergrund Windräder und startende und landende Flugzeuge runden den Ort stimmig ab.
Zentralverschiebebahnhof Kledering


Ein Sender am Laaer Berg

Laaer Berg
Der Unterschied, den Laaer Berg hinauf, zur Stimmung am Bahnhof könnte größer nicht sein. Wiener Nichts, schneebedeckte Wiesen, ein paar Hasen (die ich zuerst für kleine Rehe hielt) und Weingärten (Favoritner Satz?). Der Untergrund ist glatt und rutschig, der unsägliche Skireporter Hans Knaus würde die Verhältnisse wohl als "knusprig" bezeichnen.
Oben am Berg betrieb die Radio Austria eine Senderanlage, die ihre besten Zeiten vor langen langen Jahren gesehen haben muß, und in der Tat geht die Anlage auf den ersten Weltkrieg zurück; sie sei seitdem fast unverändert. Oben am Berg finden sich Eigenheimträume, und ich gehe durch die Sindelargasse, in der eternitverkleidete Hausfassaden noch hoch geschätzt werden.  Der Hunger meldet sich, ich würde mich über ein Gasthaus freuen, finde aber einen Anker. Vorbei an der Kolowratgasse, und der Qualtinger / Kraus klingt mir im Ohr. "Gestern habe ich mit dem Sascha Kolowrat draht, heute drah' I mit ...[ab]." Den gab's wirklich, den Kolowrat. Sachen gibt's.  Entlang des Kurparks gehe ich die Laaer-Berg-Straße hinunter nach Oberlaa, auf eine Kardinalschnitte.

Schwefel über Oberlaa

Wien. Am Ende.
Oberlaaer Wasser ist Schwefelwasser, das ist nicht zu überriechen. Die örtliche Pfarrkirche ist leider geschlossen, und so geht es ohne geistigen Einhalt hinunter zur Liesing, die munter in ihrem betonernen Bett dahinfließt und für den Rest des Tages meinen Weg vorgibt. Im Süden liegt Rothneusiedl und man fühlt sich dem Wiener Rand sehr nah. Weiter, in Richtung Inzersdorf.
Was könnte man in Wien für tolle Bildbänder gestalten! "Die 30 schönsten Autobahnunterführungen" oder "Die Sektionslokale der SPÖ Wien", ich würde sie mir alle kaufen. Rund um Inzersdorf feiern die Unterführungen jedenfalls fröhliche Urständ'. Ansonsten muß in diesen Gegenden das Auge schon geübt sein, um Punkte zu finden, auf denen es wohlwollend ruhen kann. Viel Industrie und Lagerflächen, Klosterfrau befindet sich hier und andere Pharmaunternehmen, Leuchtfabriken (Orion), ein Parkplatz der Badner Bahn. Die Fleischfabrik Inzersdorf ist zum Teilabriss vorgesehen.
In der Ferne die Wohntürme Alterlaas. Hier endet, an der U6, die erste Etappe.



Wahlkampf
Urbane Wegmacherei

Unter der Autobahn

Samstag, 12. Januar 2013

1160 - 4070: Ein Résumé. Oder der Versuch einer Vermessung

Insgesamt hat es ja vier Monate, mit vielen Pausen, gedauert, um von Ottakring nach Eferding zu gelangen. Zu Beginn war ich mir sicher: das schaffe ich in ein paar Wochen! Dann war die Überzeugung, noch weit im Herbst in Eferding anzugelangen, schließlich musste es noch eine Winteretappe sein. zunächst aber das Wichtigste in Kürze:

Ottakring - Eferding


  • 12 Etappen
  • Gesamtlänge: 313 km
  • Höhenmeter gesamt: 7.747 m
  • Distanz Luftlinie: 172 km
  • Ausgangsposition: N48 12.865 E16 20.028
  • Zielposition:   N48 18.418 E14 01.646



Etappe WegsteckekmHöhenmeter
1Wien - Rekawinkel29822
2Rekawinkel - Laaben21740
3Laaben - Wilhelmsburg321040
4Wilhelmsburg - Rabenstein21492
5Rabenstein - Texing21705
6Texing  - Scheibbs341014
7Scheibbs - St. Leonhard341420
8St. Leonhard - Böhlerwerk15357
9Böhlerwerk - Haag30491
10Haag - Enns2163
11Enns - Thurnharting33240
12Thurnharting - Eferding22363


 
  • Durchschnittliche Tagesetappe: 26 km, 645 Höhenmeter 
  • Die bewältigten Höhenmeter entsprechen in etwa der Höhe des einundzwanzigst höchsten Berges der Erde, des Kamet in Tibet. 
  • Ein hoch der ÖBB, die mich für zwölf Etappen 32 mal per Zug und acht mal mit dem Bus transportierten. 
  • Ich überschritt folgende Flüsse, nie jedoch die Donau:
    • Traisen
    • Pielach
    • Große Erlauf
    • Kleine Erlauf
    • Ybbs
    • Url
    • Ennskanal
    • Enns
    • Steyr
    • Krems
    • Innbach
  • 22 mal durfte ich  den Bahnhof Rekawinkel queren.


(Caveat: Die Karte ist nicht recht wahrhaftig, da ich beim Routen-Zeichnen auf Maps grandios scheitere. Aber es stimmt fast.)

Schließlich: Das kann's nicht gewesen sein. ich geh' wieder zurück.

Sonntag, 6. Januar 2013

Die letzte Etappe: Thurnharting - Eferding

Thurnharting (337 m) - Kirchberg (357 m) - Aichberg  - Forst - Raffelding (268 m) - Taubenbrunn (264 m) - Eferding (271 m)

11 Dezember 2012. 22 km. 363 Höhenmeter

"Nach Moskau! Nach Moskau" rufen die drei Schwestern. Ich rufe bloß: "Nach Eferding!", aber ich bin ja auch nicht Tschechow.

Was mich mit Tschechow nicht verbindet

Tschechow wäre wahrscheinlich auch nicht gegen vier Uhr früh aus seinem Bett gestiegen, hätte seine sieben Sachen zusammengepackt und wäre niemals zum Westbahnhof gefahren. Ich schon. Auch tendiere ich dazu, meine Zugverbindungen keinesfalls versäumen zu wollen und so bin ich für meinen Zug eher viel zu früh als zu spät. Der erste Zug gen Westen verlässt mit dem neuen Fahrplan Wien erst um halb sechs. Die Reise nach Linz gestaltet sich ereignislos und schlummernd. [Ein kleiner Exkurs. Meine Rückreise am selben Tag nach Wien ist deutlich ereignisreicher. Am Abend, im Großraumabteil, sitzt ein bekannter österreichischer Wirtschaftsführer mir gegenüber. Seine Ämter heute beschränken sich allerdings auf im weitesten Sinne Ehrenämter, schon auf Grund dessen, dass er vor Jahren das Pensionsalter erreicht hat. Er, der Wirtschaftsführer, reist mit seiner Frau, und diese spricht ihn nur in der dritten Person an. "Mag der Captain heute noch über den Weihnachtsmarkt bummeln oder mag er gleich ins Hotel?" "Mag der Captain heute noch seine Schwiegertochter treffen?" Beeindruckend. Ich erzähle meinem Freund P. diese Schnurre, und er meint richtigerweise, dass  die Menschen ihre Absurditäten doch besser im Schlafzimmer ausleben sollten, da gelangt man zumindest nicht in Kenntnis davon. Die Geschichte von meinem jungen, katholischen Sitznachbar, der während dieser Fahrt seiner jungen Gattin eine Powerpoint Weihnachtspräsentation (was auch immer das ist) gestaltete, lasse ich hier außen vor]

Aufbruchsstimmung in Thurnharting


Mit der Linzer Lokalbahn geht meine Reise nach Thurnharting. Thurnharting ist ein Vorort von Linz, schon unlängst als im Speckgürtel liegend klassifiziert. Es ist kalt, es ist windig und eisig, und die Wolken am Horizont versprechen Schnee. Gerade ist Biotonnenentlehrung, ich verfolge das Auto des Müllunternehmens Zellinger und den allgemeinen Aufbruch der Thurnhartinger zur Arbeit. Ein/e OberösterreicherIn, der/die auf sich hält, fährt halt spätestens um Sieben zur Arbeit. Von dieser Aufbruchsstimmung angesteckt blicke ich zurück auf den Sender Ansfelden und ziehe nach Westen. An der Ortsausfahrt ist ein größerer Bauernhof, der Christbäume feilbietet und für die hiesigen EisstockschützInnen eine Bahn aufgespritzt hat. Die Straße, der ich folge braucht nicht aufgespritzt werden um rutschig zu sein, und ich bewundere die KraftfahrerInnen, die beherzt und ohne Ketten mit Richtung Linz an mir vorbei ziehen. Es geht Richtung Kirchberg und das Wetter wird schlechter. Kirchberg, kein Juwel der Dörfer Rund um Linz, erschließt sich mir über die Sportstraße. Die Sportstraße ist, wie der Name schon sagt, gesäumt von Asphlatstock-, Tennis- bzw. Volleyballanlage und die dazugehörigen Stüberln. (Gut so, denn das einzige Gasthaus des Ortes wurde zum Gemeindezentrum umgestaltet.) Über Ortsplatz und Großharter Straße geht es weiter durch Wald und Flur nach Gumpolding, das sich etwa auf höhe von Straßham befindet.

Winter in Axberg

Endlich: Auf der letzten Etappe mein erstes Krone -Schild
Mittlerweile hat das Schneetreiben voll eingesetzt und macht das Gehen spannend. Grohart, Kleinhart, Ortsteile Axbergs. In Großhart hat sich ein Autobastler niedergelassen, dessen Sammlung sogar via Google Maps sichtbar ist. Die anderen Großharter werden es ihm wohl danken. Über die Alkovener Straße geht es weiter nach Axberg. Hier ist die Heimat des Reisetbauern, dem Brenner des Jahres 2012. Über die dortige Mostkost habe ich mich an anderer Stelle schon verbreitert. Inzwischen führt jedes Restaurant, das auf sich hält (sei es am Pogusch, der Gelbmann in Ottakring, der Schrot in Alkoven....) Produkte des Reisetbauern, und ich frage mich, ob dem Reisetbauern-Schnaps einmal das gleiche Schicksal ereilt wie jenes der Obstsorte Kiwi: nämlich das Schicksal des sozialen Abstiegs.
Das Plus des Ortes Axberg sind sicher die sprechenden Straßennamen: Apfelweg, Landlbirnweg, Kirschenstraße. Das Minus: eine den Ort dominierende 'Villa', deren Erbauer keine Geschmacklosigkeit ausgelassen und hinter verklinkerten Mauern sich unter anderem ein Badehäuschen mit dem Charme einer Bushaltestelle mit Giebel errichtet hat. Jedenfalls geht es weiter, über die besagte Kirschenstraße auf den Aichberg. Ich muss an Tschechow denken. In Aichberg residiert eine andere lokale Größe, das Wirtshaus Schober, das für mich naturgemäß geschlossen hat. Jedoch hätte ich hier gegen einen Tee nichts einzuwenden, der Winter zeigt hier, was einen Winter ausmacht.

Scharten links liegen gelassen


Verunmöglichte Landschaftsphotographie
Ab hier erhoffe ich mir nach jeder Wegbiegung einen Blick auf das Eferdinger Becken, aber so viel sei gleich verraten: Dieser Blick wird mir nicht vergönnt werden am heutigen Tage. ich fluche ein wenig, die abschüssigen Wegpassagen sind heute keine Freude. Kranzing, Forst, der Schneefall läßt nach. der Marienwallfahrtsort Scharten wird links liegen gelassen. In Forst residiert die Spitzwirtin, und ich erbitte mir bei ihr einen Kaffee, obwohl sie noch geschlossen hält. Nach kurzem Aufwärmen erklimme ich den Spitzberg, es geht weiter, an Puchham, dem Eferdinger Beckenblick und dem Firlinger Hof vorbei und am Landgasthof Reif in Richtung Staudach. Hier verlasse ich die das Eferdinger Becken einsäumenden Hügel und befinde mich in der Ebene. Hier, gleich neben der B 129, der Eferdinger Bundesstraße, die Linz mit Passau verbindet, gräbt der lokale Schotterbaron Löcher. In Raffelding über die besagte Bundesstraße, Fischer Mühle, Inn, Oberschaden, ich bin dem Ziel sehr nah. Schließlich Eferding. Ich klettere über den Gartenzaun und freue mich.



Ich möchte es nochmals machen


Montag, 12. November 2012

Die elfte Etappe: Von Enns nach Thurnharting

Eferding, erstmals urkundlich erwähnt

Enns (281 m) - Sumerauer Hof (258 m) - St. Florian (310 m) - Forstholz - Ansfelden (290 m) - Haid (277 m) - Traun (275 m) - Pasching (295 m) - Thurnharting (337 m)

10. 11. 2012. 33 km, 240 Höhenmeter

Ich reise nach Enns am Vortag an,um das Morgenlicht entsprechend nutzen zu können. Die Nächtigung erfolgt in der Pension Wall. Die Familie Wall betreibt neben der Pension auch ein Sanitärfachgeschäft, ein Umstand, der folgerichtig eine positiven Ausschlag auf die Qualität der Ausstattung des Badezimmers in meiner Unterkunft hat. (Man beachte die Anzahl der Substantive und der Genetive in diesem Satz!)
Ich bitte die sympatische Zimmerwirtin um eine Restaurantempfehlung, und es wird unter anderem die "Stadt Linz" genannt, die ein Grieche sei. Ich ziehe eine Runde über den Ennser Hauptplatz (bei weitem kleiner als der Eferdinger!), bewundere den gutsortierten Handwerksladen und studiere die Speisekarte der "Stadt Linz". Pizza, Spaghetti, Tiramisu. Ich bin verwundert und setzte meine Besichtigungstour fort, auf der ich meine Zimmerwirtin, ihrerseits über den Hauptplatz schlendernd, wieder traf.

Z: "Aber die Stadt Linz, das ist ein Italiener."
W: " Das ist ein Grieche."
Z: "Aber da gibt's Pizza!"
W: "Es ist trotzdem ein Grieche."

Sie hatte am Ende recht, die Wirtin, es gab auch Gyros. Die Kellnerin war im übrigen aus Bratislava.



Rübenanlieferung, Zuckerfabrik Enns
Danach ergebe ich mich der Ennser Hochkultur. Eine Vertonung der Nibelungensage. Wer jetzt an Richard Wagner denkt, weit gefehlt. Wiff Enzenhofer hat komponiert, und Herbert Walzl hat die Textvorlage geliefert. Die Aufführung findet in einem engen Kellergewölbe des Schlosses Ennsegg statt und ist beinahe ausverkauft. Wenn man mich fragte, wie mir die Aufführung gefallen hat, würde ich mit meinen Assoziationen an diesem Abend antworten. Ich fand mich zurückversetzt in die Rhythmusmessen meiner Volksschulzeit, an den Kirchenchor Pupping erinnert, und ich hoffte, dass dies alles eine Volte des deutschen Regietheaters sei. Kriemhild und Brünhild waren beide blond.
Am Morgen - es ist noch finster - breche ich auf. Zu Beginn bin ich noch etwas orientierungslos, aber das ändert sich schnell, und ich verlasse Enns Richtung Asten. Ich wusste schon lange, dass diese Etappe nicht von landschaftlicher Schönheit gezeichnet sein würde, und die ersten Kilometer sind ein Beweis meiner Vorahnung. Noch dazu sind meine Hosenträger material-müde, und zur großen Begeisterung der vorbeifahrenden KraftfahrerInnen habe ich hier an der Landstraße diesen Schaden zu beheben.
Ich würde heute mehrmals die A1 überschreiten. Aber eine besondere Freude ist es mir, dass ich das erstmalig in unmittelbarer Nähe der Eckmayr-Mühle und somit des Hartlauer-Turmes tue. Der Löwe brüllt dort zumindest seit 1982. Es geht weiter in Richtung St. Florian.
Vorher gehe ich aber noch am Sumerauerhof vorbei. Der Sumerauerhof ist ein riesiger Vierkanter, der bis in die Siebziger bewirtschaftet war und mittlerweile eine Außenstelle des OÖ Landesmuseums ist. Heuer stand hier eben der "Vierkanter" im Zentrum des Interesses. Bei meinem Vorbeimarsch war die Ausstellung schon geschlossen.
Das Modell der Pummering
Achtung! Wanderer.
Leute, die es wissen müssen - ich hoffe, ich gebe die Geschichte jetzt richtig wieder - behaupten, dass in St. Florian die größten Bauern bzw. Bäuerinnen ('groß' im Sinne von 'Joch') zu Hause sind. Demzufolge seien die JungbäuerInnen aus St. Florian am Hochzeitsmarkt auch entsprechend beliebt. Einmal im Jahr, zur Mostkost beim Schober in Aichberg (siehe nächste Etappe) - oder war es die Mostkost beim Reisetbauern, hier verschwimmt die Erinnerung - gebe es dann eine  Beschau für entsprechend Interessierte. Zum gruseln, wenns wahr ist.
 St. Florian ist aus mehreren Gründen bekannt: Das Chorherrenstift, Anton Bruckner respektive die Brucknerorgel (7.389 Pfeifen!), die ehemalige Glockengießerei, quasi die Mutter der neuen Pummerin (das Modell existiert, wird aber eher verschämt präsentiert). Eferding sendet hier in Florian schon seine ersten Vorboten aus - im Kaffeehaus liegt das "Eferdinger Stadtgeflüster" auf.
Ich lasse Anton Bruckner links liegen und marschiere weiter. Eigentlich lasse ich Bruckner rechts liegen, aber das ist was für I-Tüpferl-ReiterInnen.

Ein Waldstück! Ich gehe durch Forstholz, und in der Ferne höre ich WaidmännerInnen ihrem geschäft nachgehen. Hier folge ich dem Anton-Bruckner-Symphonien-Weg (mit Schautafeln). Ein weiteres Schild warnt vor Existenzen wie mir (s.o.).

Ansfelden
Ansfelden ereiche ich über die Himmelreichstraße. Der Ort ist nach Selbstzuschreibung ein Zentrum der Hip Hop Kultur. So wird etwa am 17. des Monats im Anton Bruckner Centrum (kurz ABC) gebattelt. Ansfelden liegt, wenn man so will, im Städtedreieck Linz - Wels - Steyr und liegt an den Autobahnen A1, A7 und A 25. Und, sind wir uns ehrlich, auch der/die gelernte OberösterreicherIn würde Ansfleden nicht kennen, wenn hier nicht eine Autobahnraststätte und ein großer Sender angesiedelt wäre. Ich habe ja als Kind einmal bei der KRONE - Ferienaktion teilgenommen und eine Besichtigung der Sendeanlage Ansfelden gewonnen. Interessanterweise nahmen  an der Besichtigung nur Knaben teil.  Ich erinnere mich an vier große Schüsseln, und bei einer sagte der Führer geheimnisvoll: "Ich darf euch nicht sagen, wozu diese Schüssel dient." Na, frage nicht - das Knabenherz war beseelt. Der örtliche Wirt diversifiziert und bietet österreichische, italienische und indische Spezialitäten. (Eine Kombination, die sich auch in Ottakring findet. Ich bin noch nicht dahinter gekommen, was hier die Klammer bildet.)
Letztendlich ist heute zu Ansfelden nicht mehr zu sagen, als das, was man sich von Ansfelden im Vorbeifahren vorstellt, plus eines Hotelleitsystems.
Jetzt beginnt der wirklich herausfordernde Teil der Wanderung. Ich zweifle, ob ich nach meiner Planung nicht irgendwo auf einer Autobahn ende und die Tatsache, dass die Umfahrung Haid-Ansfelden auch einen Gehsteig hat, macht mich glücklich. Allerdings verstehe ich AutofahrerInnen, die mich bei meinem Tun etwas verständnislos beobachten, nur zu gut.
Ich komme nach Haid. Haid ist auch nicht besonders schön. Ich quere die Traunauen und lande in der namensgebenen Stadt.

Schönheit der Landstraße (bei Traun)

Traun, Ketchup- und Senffarbene Plattenbauten säumen meinen Weg. Zu den größten Töchtern/ Söhnen Trauns gehören Theresia Kiesl, Landeshauptmann Josef Pühringer und Seidl Harald, Ing. Letzterer ist amtierender Bürgermeister. (Die Unkultur, bei der Vorstellung einer Person den Vornamen nach dem Nachnamen zu nennen findet sich hier nicht nur in den email-Adressen des Stadtamtes, sondern auch am Friedhof.) Und überhaupt, Namensgebungen. Ich kann mich des Eindrucks nicht verwehren, dass oberösterreichische LokalpolitikerInnen mit der Vergabe von Straßennamen überfordert sind. "Sonnenweg", "Neubauzeile" oder "Brucknergasse" zeugen von einer endend wollender Phantasie. Aber halten wir dagegen. Während "Hopfenweg" nur gelinde besser als "Stelzhammerstraße ist", braucht es für "Laternenring" schon eine ordentliche Portion Phantasie. Und, was ich dem / der oberösterreichischen PolitikerIn ins Stammbuch schreiben möchte: bevor ihr das nächste mal ein Straßerl "Urnenhainenweg" benennt, macht bitte eine AnrainerInnenbefragung.


Überschreitung der Krems

Ich quere in weiterer Folge den Flughafen Linz Hörsching (LNZ) leicht östlich und warte vergeblich auf startende oder landende Verkehrsmaschinen. Die Bürgerinitiativen in die Linzer Einflugsschneisen haben eher einen Erklärungsnotstand.


Pasching würde man ohne Fußball nicht kennen. Nicht ohne Fußball und dem dazugehörigen Paschinger Waldstadion.Ist man erstmalig in Pasching, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Tatsache, dass 'Pasching' einstmals in der ersten österreichischen 1. Division spielte, ein Irrtum der Geschichte war. Es folgt ein kleiner aber feiner Anstieg in Richtung Turnharting, das im Linzer Speckgürtel liegt. Das Reihenhaus hier hat quasi Wiener Preise. 100 m2 Wohnfläche um wohlfeile 350.000 € sind keine Okkasion. Ich überlege kurz, noch den Weg Richtung Eferding einzuschlagen. Aber es sind noch 17 km und es ist halb drei. Ich freue mich dann doch zu sehr auf eine Jause irgendwo entlang der LILO.


Hier nächtigte ich nicht.
Die ArchitektInnen der LILO haben keinen Sinn für Romantik.

Donnerstag, 8. November 2012

Die Klammer - Teil IV: Religiöse Kleindenkmäler

Religiöse Kleindenkmäler am Weg
Auf meinem Weg gibt und gab es eine große Anzahl von religiösen Erinnerungsstätten, die in ihrer Gestaltung durchaus als heterogen zu bezeichnen sind. Das spiegelt sich auch in den Begriffen wieder, die für diese Erinnerungsstätten  verwendet werden: Marterl, Flurkreuz, Wegkreuz, Bildstock, Pestkreuz, Relieftafelsäule, Nischen-, Lauben- oder Tabernakelpfeiler, Pfeiler- und Säulenbildstöcke, um nur einige zu nennen.  Gemeinsam ist ihnen, dass sie ein beeindruckendes Zeugnis der Volksfrömmigkeit ablegen.
Beginnen wir mit dem banalen. Solche, wir nennen es wegen der Eingängigkeit des Begriffes in weiterer Folge 'Marterl', sind oft in Wanderkarten verzeichnet und wann der Wanderer, die Wanderin nicht mehr weiß, wo oben oder unten ist, ist so ein Kreuz auf der Karte durchaus hilfreich. Auch glaube ich nicht der langläufigen Volksmeinung, dass es auf Pilgerwegen besonders viele religiöse Kleindenkmäler gebe; ich fand zum Beispiel, dass die Haager besonders fromm sein müßten - dort war alle 200 Meter ein Marterl zu finden.

Versuchen wir eine eigene Klassifikation dieser Marterl: 

  • Es gibt kapellenartige Marterl ("Heiligenhäuser"), einige sogar mit wenigen Sitzbänken im Innenraum; der Regelfall sind solche großen Marterl allerdings nicht.
  • ich würde gerne zwei große Gruppen identifizieren: (i) das Holzkreuz und (ii) Kleinsthäuser mit drei Mauern und einer schmiedeeisernen Front.
  • Die Kleinsthäuser sind oft einem Hof zuzuordnen, das Holzkreuz ist oft am Weg zu finden.
  • Im Inneren des Marterls befindet sich eine Statue oder ein Votivbild.
  • In der Regel sind alle Marterl der Jungfrau Maria geweiht. Hier zeigt die Volksfrömmigkeit wenig Phantasie.
  • nur auf wenigen Marterl sind erklärende Plaketten - etwa: zur Erinnerung an Hans Hofer, der hier am 4. Februar 1921 von Mörderhand etc. etc. - angebracht.
  • Die Innengestaltung der Marterl ist eher konservativ. Oft findet man schon brüchige gehäkelte Spitze und die Seidenblumen sind auch schon vergilbt. Allerdings gibt es nicht wenige Marterl, die frisch renoviert und herausgeputzt sind. 
  • Nur wenige Marterl zeichnen sich außen durch Kniebänke aus.
  • Fast alle Marterl sind gepflegt; das zeigt dass das Marterl nicht im "okema" ist.
  • Und: Ja, ich weiß, "Marterl" kommt von Marter und ist so gesehen ein sehr einschränkender Begriff - aber meines Erachtens weit gängiger als "religiöses Kleindenkmal". 

Es gab einige Versuche, diese Martel zu katalogisieren, zb. der Leitfaden zur Klein- und Flurdenkmaldatenbank des Niederösterreichischen Bildungs- und Heimatwerkes. Der Leitfaden hat immerhin über achtzig Seiten und einen einseitigen Entscheidungsbaum um zu erkennen, ob es sich nun um einen Bildbaum, einen Kapellenbildstock, um einen.... etc. handelt. Es gebe schon schöne Hobbys.