Sonntag, 7. Juni 2015

Dem Mühlviertel aufs Dach gestiegen

04.06.2015 - 07.06.2015. Auf Stifters Spuren via Schlägl und Klaffer nach Holzschlag, auf den Dreisessel und den Plöckenstein. Ein Fronleichnamsausflug.

„Meine ganze Seele hängt an dieser Gegend“

Hartauer, Alexander, Böhmen! Stifter.

Ich bin wegen Andreas Hartauer hier, nicht nur wegen Adalbert Stifter. Wegen Hartauer und Peter Alexander, um genauer zu sein. 
Zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen gehört meine Dauerbeschallung mit der oberösterreichischen Version des österreichischen Regionalradios. Neben den üblichen Schäden ist mir davon eine gewisse Textsicherheit in den Schlagern der 70iger  im allgemeinen geblieben und die Erinnerung an zwei "böhmische" Gassenhauer im speziellen. Dank Peter Alexander ("Wie Behmen noch bei Öst'rreich war") weiß ich nun, dass sich "Prag" auf "Katholikentag" reimt; Andreas Hartauer war ein sentimentaler Glasbläser des 19. Jahrhunderts, der im Böhmerwald aufgewachsen war und sich später in St. Pölten ansiedelte. Dieses triste Schicksal hat wohl maßgeblich zur Verklärung der Jugendzeit beigetragen, er hinterließ uns das "Böhmerwaldlied" (hier interpretiert von der unvergleichlichen, zu früh verstorbenen Lolita)

Wegen dem Adalbert Stifter bin ich schon auch da. An seiner - nicht an meiner - Seele hängt ja diese Gegend. Es geht in seinen "Hochwald" "zu jenem Gränzknoten, wo das Oesterreichische Land mit Baiern und Böhmen zusammenstößt". Dort schieße "ein mächtiges Gewimmel mächtiger Joche und Rücken gegen einander" und im Waldesblau klitzerten "wogendes Hügelland und strömende Bäche".

Vom Dreisessel zum Plöckenstein


Mit der moralischen Überlegenheit von VegetarierInnen ist es nicht weit her

Bevor ich meinen Weg auf das Dach des Mühlviertels beginne, wird in Aigen (das erst vor kurzem mit Schlägl zu einem Gemeindeverbund zusammengelegt wurde) im Bärnsteinhof (ein "Kleinod der Gastlichkeit") zu Mittag gespeist. Die Karte dort ist nicht sehr mühlviertlerisch - kein Wunder, der Bärnsteinhof ist ein "Kräuterhotel". Keine Spur von meinem geliebten Leberschädl, keine Spur einer Beuschlsuppe. Die Küche ist dennoch ausgezeichnet, alles ist knackig, frisch und selbstgemacht. Am Nebentisch zeigt sich ein RadfahrerInnenehepaar (Elektro) über das (in der Tat) reichhaltige vegetarische Angebot begeistert. Man diskutiert, was man essen solle.

Er: "Das Kohlrabi-Carpaccio, ist das mit Fleisch?"
Sie: "I glaub net."
[Pause]
Er: "Ess I trotzdem net."
[Pause]
Er: "Spargelrisotto. Is des mit Nudeln?
Ein oberösterreichischer Vegetarier von Welt.

Am Weg nach Holzschlag

Donnertag, 04.06. 2015. Fronleichnam. Aigen - Schlägl (544m) - Ulrichsberg - Klaffer (638m) - Pfaffetschlag (670m) - Holzschlag (863m). 24 km, 561 Höhenmeter

Der Papst und ich

Ich beginne die Wandertage in der Kerzenwelt Schlägl, einem "Museum" mit riesigen Verkaufsflächen. Das Geschäft ist ein Hort des guten Geschmacks. Im Museum wird eine Figur des emeritierten Bayernpapstes (Papst Franz wird wohl noch in Produktion sein) aus-, das letzte Abendmahl wird mit lebensgroßen Wachsfiguren nachgestellt. Drei der Jünger Jesu scheinen uneheliches Geschwister der Conchita Wurst zu sein, und die Hände aller 13 Wachsfiguren sind ähnlich feingliedrig wie die von gerade in Pension gehenden Waldarbeitern.
Die Mühl
Hernach geht es entlang der Mühl, in großer Hitze, in Richtung Ulrichsberg und Klaffer. Noch in Schlägl vergnügt sich die Jugend im Freibad. Ich widerstehe der Versuchung. Zwar hatte ich Wien-Ottakring zu einer Zeit verlassen, zu der die Straßenbahnen noch im 17-Minuten-Takt fuhren, doch die Mühlkreisbahn, die mich von Linz nach Schlägl bringt, ist kein Expresszug und kämpf noch dazu von Station zu Station mit defekten Türen. Es ist schon spät.
Der Weg entlang der Mühl ist so, wie man sich Wege entlang von kleinen Flüssen und Bächen vorstellt: beschaulich und unaufgeregt, untermalt vom leisen Plätschern des Wassers, da und dort eine Wehr, viel Grün. Schön. Menschen treffe ich kaum, nur knapp nach Schlägl kommt mir eine Mühlviertlerin in Sportkleidung unter einem blauen Schirm entgegen, was mich bei strahlendem Sonnenschein doch überrascht, wir sind nicht in Nippon. Und vor Ulrichsberg durchkämmen zwei Herren in Untergatten die Mühl, etwas was ich tunlichst nicht hinterfrage.
In Ulrichberg selbst mache ich Rast.  Jeder Niederbayer mittleren Alters, der auf sich hält und ein Motorrad besitzt, tut dies heute auch. Gott sei Dank gibt es in Ulrichsberg vier Kaffeehäuser. Das Ulrichsberger Enthaarungsstudio "Energethik" hat am Feiertag naturgemäß geschlossen.
Weiter, in Richtung Klaffer. Hier bemerke ich erstmals in der Ferne den kahlen Bergrücken zwischen Dreisessel und Plöckenstein. Ich versuche die Straße bald zu verlassen und folge einem Weg, gerahmt von verwitterten Schautafeln einer Ausstellung aus 2005. Nach Klaffer komme ich über den Kräutergarten des Ortes ("Kräutergemeinde Klaffer"), vorbei an der Kirche, die, genauso wie die Hauptstraße, noch mit Birken geschmückt ist - es ist ja Fronleichnam, am Vormittag war Prozession. Dort bei der Kirche bemerke ich: In Klaffer trägt man noch Kropf.
Die Holzwirtschaft ist eine tragende Säule.

Beim örtlichen Wirten mache ich halt, und mein Glauben, die oberösterreichischen Dialekte gut aktiv und passiv  zu beherrschen, wird empfindlich erschüttert. Ich bestelle Soda Zitrone - und bekomme Cola-Leitung. Der Wirt bringt gerade seine Sommerbar - quasi ein sommerliches Apres-Ski-Schwammerl - in Schwung, und zwei Herren sind dort noch von der vormittäglichen Feier der leiblichen Gegenwart Jesu Christi im Sakrament der Eucharistie übrig geblieben, der jüngere von ihnen in der Ausgangsuniform des oberösterreichischen Kameradschaftsbundes OÖKB. Ich frage mich ja, ob der OÖKB eine ähnliche Karriereschmiede ist wie der Cartellverband, jedenfalls haben beide ähnliche Frauenquoten. Aber das führte wohl zu weit.
Ich erkundige mich nach dem Weg nach Holzschlag, und der Herr ohne OÖKB-Uniform erklärt beredt. Ich bin dankbar, dass der Wirt mir übersetzt. Beim Gehen sitzt der junge Herr in OÖKB-Uniform an einem Tisch mit Neo-ÖsterreicherInnen und erzählt von seiner schweren Kindheit in Amerika.... Er könnte natürlich auch etwas völlig anderes erzählt haben, meinen Kenntnissen des Oberösterreichischen würde ich, gerade in Klaffer, nicht mehr trauen. Nach Pfaffetschlag geht es dann beständig bergauf, der Straße entlang. Ein sehr freundlicher Klafferer nimmt mich den letzten Kilometer mit seinem Jeep mit, was ich mehr als dankbar annehme.

Dreisessel

05.06.2015. Holzschlag (863m) - Grenzübergang I/10 Zollhütte (1003m) - Grenzübergang Bayern-Österreich (1153m) - Steinernes Meer - Dreisesselberg-Schutzhaus - Bayrischer Plöckenstein (1364m) - Dreieckmark (1321m) - Plöckenstein (1379m) - Grenzübergang I/10 - Gasthaus zum Überleben (944m) - Holzschlag (863m). 26 km,  950 Höhenmeter

Frühmorgens gehe ich los, eine leicht ansteigende Forststraße entlang, hinauf zur Grenze, vorbei an den Aufstiegshilfen des Skigebietes am Hochficht. Am ehemaligen Zollhaus wende ich mich westwärts, und weiter geht's, bergauf. Irgendwann verlässt man dann die Forststraße, und ich folge der recht eindeutigen, weil einmal nicht einfallslos rot-weiß-gestreiften Wegmarkierung des Nordwallkammweges, der den Dreisessel mit dem Nebelberg verbindet. So eindeutig blau-weiß die Markierung ist, so wenig scheint der Weg begangen zu sein; man stapft durch Wiesen voll Heidelbeersträuchen und zwittriger Krähenbeeren in Richtung Deutschland. Passt man nicht auf, versinkt man da und dort in nassen Wiesen.

Die Landschaft, entstiftert.


An der deutschen Grenze ändert sich der Zustand des Weges, man steigt im wahrsten Sinne des Wortes über mächtige Steinblöcke durch das "Steinerne Meer": Granit, zum Teil mit grüner Flechte bewachsen, eine eindrückliche Landschaft. Hier werden die grauen Baumleichen, die den Dreisessel und dann den Plöckenstein prägen, immer mehr. 
Begonnen hatte es mit Fichtenmonokulturen. Die Glasindustrie der Region des 18. und 19. Jhdts., auch die in Schlägl und Schwarzenberg, brauchte Unmengen Brennholz, man setzte auf schnellwachsende Gehölzer, eben die Fichte. Dann kam im 20. Jahrhundert der saure Regen (Emissionen aus der Ruhrregion), der dem Wald zusetzte. Schneebruch, und kurz darauf der Sturm Kyrill 2007 taten das ihre, der Borkenkäfer in weiterer Folge das seine. Die Naturparkregionen in Bayern und Tschechien (Nationalpark Šumava) entschlossen sich in weiterer Folge, die Natur hier ForstwirtIn sein zu lassen und ließen das Holz liegen. Noch heute, bald 10 Jahre später ist man geneigt, die Landschaft hier mit einer Mondlandschaft zu vergleichen.

Hie Österreich, dort Tschechien, in der Mitte der Grenzweg.

Wohin man schaut Totholz, und nur zaghaft wachsen hier und da Nadelbäume nach - und etwas, was ich für Vogelbeersträucher halte. Kyrill und der Borkenkäfer haben die Landschaft hier entmystifiziert - "entstiftert", wenn man so will, und so mancher Ausblick hier rührt den Industrieromantiker in mir. So gnießt man hier den Fernblick ins Böhmische, zur Moldau, und nach Schwarzenberg und in Richtung Schlägl, während sich die Menschen dort unten noch heute vor dem "scharfen Wind von de Beehm"  fürchten.

Jessica

Ich wohne im Ereignishaus Holzschlag, einem Haus "in Einzellage", das wohl am besten als Jugendherberge zu bezeichnen ist. Es hat 66 Betten, und ist auf Gruppenreisen ausgerichtet. Zu Fronleichnam 2015 bin ich der einzige Gast. Gemeinsam mit dem tollen Gasthaus Überleben, das etwa 20 Minuten entfernt ist, wird es vom Stift Schlägl betrieben. Hier ist's geruhsam, still, ruhig ("Einzellage"!), für WandererInnen ist es eine tolle Unterkunft, freundliche Wirtleute, extrem sauber, günstig. Das Ereignishaus liegt am Ende eines Tales, das in Richtung Tschechien führt, nicht unweit des Klafferbaches. Hier ist weit und breit kein anderes Haus zu sehen, von meinem Zimmer aus sehe ich ein Meer von Bäumen und die Lupinienwiese vor dem Haus, sonst nichts. Einschicht.
Der einzige Gast. Einsamkeit, Stille. Abends lässt mich die Wirtin alleine, und ich genieße die Sonne, in absoluter Stille. Es ist schon spät, ich lese bei offenen Fenster noch einige Seiten (Krimi, nicht Stifter) als ich plötzlich von draussen eine männliche Stimme "Jessica, bist du da??" rufen höre. Eine aufgebrachte Wiener Stimme. Gut, dass ich nicht Jessica bin, und am nächsten Tag ist's vergessen.

Am Dach des Mühlviertels

Gipfel.

Im Schutzhaus am Dreisesselberg kehre ich kurz ein, und dann gilt es den Weg in Richtung des Dachs des Mühlviertels, des Plöckensteins (1.370 Meter) einzuschlagen. Man geht den Weg, den man zuvor knapp unter dem Grat bestiegen hat, am Grat zurück in Richtung Osten. Blauer Himmel, die Sonne sengt. Hi und da hat uns der Granit seltsame Felsformationen hinterlassen, und staunend kommt man zum Dreiländereck Deutschland - Österreich - Tschechien, die Dreiecksmark.

Hier am Rastplatz feiert eine Nürnberger Großfamilie gerade die goldene Hochzeit von "Omma" und "Oppa". Am Gaskocher grillt man Schweinebauch, den man auf dem vor Marinade triefenden Papier, in das der rohe Bauch vom Fleischhacker eingewickelt worden war, verzehrt. Oppa hat gepatzt und Omma wischt indigniert vor ihm auf dem Steintisch herum. Und wischt und wischt während der ganzen Rast, die ich dort einlege. Eine Ehe wie im Bilderbuch.
Wieder bergauf, zum Plöckenstein, eigentlich ein billiger Gipfelsieg. Nicht für mich, ich quäle mich in der Hitze sichtlich, und eine entgegenkommende Bayerin ruft mir "Is eh nimma weit!" nach. Der Plöckenstein ist der Dachstein des Mühlviertels, der Großglockner des Nordens, der K2 des Böhmerwaldes. Das ist schon ein silbernes Gipfelkreuz wert.
Ich biege nicht, so wie geplant, in Richtung See ab, sondern gehe den Grenzweg entlang, genauer gesagt, ich plage mich den Grenzweg hinunter in Richtung Grenzstation. Von da sind es noch 40 Minuten ins Gasthaus zum Überleben, welch schöner Name.

-schlag

Amesschlag. Berdetsschlag. Dietrichsschlag. Eberhardsschlag. Fraunschlag. Geierschlag. Hengstschlag. Innerschlag. Jungschlag. Kollerschlag. Leopoldsschlag. Mitternschlag. Neuschlag. Oberwaldschlag. Pfaffenschlaghäuseln.  Riemetsschlag. Sauschlag. Thurnerschlag. Ulrichschlag. Vorderkönigsschlag. Weigetschlag.

Der See, die "steinerne Träne"

Samstag, 06.06. 2015. Holzschlag  (863m) - Grenzstation I/10 (1003m) - Imbisskiosk Sestak / Hirschröhren (881m) - Plöckensteiner See (1078m) - Adalbert-Stifter-Obelisk (1273m) Plöckenstein  (1379m) - Grenzstation I/10 - Gasthaus zum Überleben - Holzschlag. 24 km, 660 Höhenmeter

Plešné jezero

Am zweiten Tag verschlafe ich und komme erst um sechs Uhr aus den Federn. Beim Überprüfen meines GPS - Gerätes blicke ich beglückt auf die gestrigen Tageskilometer: Über vierzig! Das erklärt natürlich neun Stunden komatösen Schlafes. Als ich wenig später realisiere, dass auch Unfehlbares (Garmin) fehlbar ist, es niemals vierzig Kilometer haben sein können, bin ich zwar pikiert, nehme es meinem GPS aber nicht gram. Oh Garmin Oregon, zu sehr bist du mir ans Herz (besser, an die Schulter) gewachsen!

Die Brenessel des Böhmerwaldes

Der selbe Weg wie gestern, hinauf zur Grenzstation. Ich bewundere die Lupinien, die blauen, die hier überall am Wegesrand wachsen. Die Lupinie ist die Brenessel des Böhmerwaldes. Am tschechischen Teil des Weges bekommt der örtliche tschechische Rettungsdienst beinahe Arbeit mit mir. Er kann mir, dem Wanderer, nämlich nur mit Mühe mit seinem Rettungs-Jeep ausweichen, auch TschechInnen können Kurven zu eng nehmen. Auf Asphalt geht's bergab bis zur Imbisstube Hirschröhren. Stifter hatte recht, hier in der Nähe des Sees ist es immer windstill, zur linken und rechten Seite des Weges wird fleißig aufgeforstet, hier keimen gesunde Fichten. Schließlich geht es in den Wald hinein, bergauf, durch ein nicht immer trockenes Bachbett. Gibt es das, ein "feuchtes Bachbett"?
Auf der Freyung in Wien gibt es eine Stelle, auf der mittelalterlicher Straßenbelag freigelegt ist. Im Mittelalter hielt man nichts von ebenen Wegen. Das soll nicht als Kritik an den PflastererInnen des Mittelalters missverstanden werden, nur fühle ich mich an eben diese Stelle auf der Freyung erinnert, als ich die letzen paar 100 Meter zum See ersteige. Bis hierher herunter hatte sich der Borkenkäfer durchgefressen (oder frisst sich noch durch), der Blick auf die morschen Bäume ist zum Teil spektakulär. Hie und da ein Blick auf die sanften böhmischen Hügeln im Norden, der ohne den Käfer nicht möglich wäre. Und schließlich der See, der Plöckensteiner See.

Stifter würde sich im Grab umdrehen

Seien wir uns ehrlich, Stifter ist nach heutigen Maßstäben als gefühlsduseliger Kitschomane zu bezeichnen: "An deinen Angern ist der Herzschlag des Waldes", schreibt er über den See, die "steinerne Träne".  Junge, Junge.
Das Wasser des Sees ist rötlich und dunkel, die Felsen am Ufer mit roten Flechten bewachsen. Das besondere an diesem Ort ist aber nicht der See selbst, es ist der halbrunde Kessel, in dem er liegt. Gegen Süden hin fällt die Wand des Plöckensteins nämlich steil zum Wasser hinab, einige Wenige Bäume am Ufer sind gesund, die restlichen sind Totholz, die zum Teil ins Wasser gefallen sind und, gegen Osten, ist das Ufer weiträumig von Stämmen bedeckt, die wie ein Berg unordentlicher grauer Mikado-Stäbchen hier verteilt sind. Nichts erinnert hier an das "dichte, ernste Fichtenbande" aus der Beschreibung Stifters, obwohl auch die "ästelosen Urstämme", die "altertümlichen Säulen" als die grauen Stocher des Heute gelesen werden könnten. Jedenfalls, der Stifter würde sich im sprichwörtlichen Grab umdrehen.
An der dem Plöckenstein gegenüberliegenden Seite des Sees führt ein Radweg vorbei, hier ist ein Rastplatz mit einigen Tischen, In der kommunistischen Zeit war hier eine Baracke für Grenzsoldaten, noch früher eine Schutzhütte - nichts erinnert mehr an die Gebäude, außer einiger Photos auf einer Schautafel.
Im Hochparterre des naturhistorischen Museums in Wien hat man vor mehr als 100 Jahren die schönsten Plätze der Monarchie verewigt: Den Erzberg, das Salzbergwerk von Wieliczka, den Triestiner Karst, der Fischsee in der Tatra, Südtirol. Und eben den Plöckensteiner See durch die Hand Adolph Obermüllners. Doch, zu Recht.





Tödliche Schwärme

Der See scheint den TschechInnen wichtig zu sein, ein Aufseher des hiesigen Nationalparkes, in Uniform und kurzen Hosen, patrouilliert die 100, 200 Meter des Nordufers auf und ab, auf und ab. Wir sind beide vom mächtigen Summen eines riesigen Bienenschwarmes mehr als beeindruckt, der bedächtig den See entlang schwebt. Wie überhaupt scheinbar jeder Schritt hier vom Summen und Schwirren von Bienen und ähnlichem Getier begleitet ist. Am Anfang hielt ich dieses beständige Hintergrundgeräusch noch für eine Starkstromleitung - aber wo keine Leitung, da kein Starkstrom. Dann glaubte ich kurz an defekte elektrische Motorsägen - aber wo keine Sägen, da kein Motorendefekt. Der Plöckenstein ist Insektenland, zweifelsohne, und ich bin froh, dass an diesem langen Wochenende kein Thementag zu Killerbienen auf Tele5 angesetzt ist. Gerade Tele5 ist berüchtigt für einschlägige Thementage (Killerhaie, Godzilla, Schlachtfeste der Giganten) und Tele5 ist der einzige Sender, den ich am Fernseher im Fernsehraum meiner Jugendherberge in Gang zu bringen vermag. Was weiß ich, "Angriff der Killerbienen II", "Tödlicher Schwarm", "Mutanten-Maja vs. MechaGodzilla", das Genre könnte schon abendfüllendes hergeben. Im übrigen hat Stifter doch unrecht, wenn er im Hochwald behauptet, hier sei es immer windstill.

Die Träne, vom Obelisken aus

Ein Obelisk im Böhmerwald



Vom See geht ein Steig, am Adalbert Stifter-Denkmal vorbei,  hoch zum Plöckenstein. Warum das Denkmal gerade in Form eines Obelisken errichtet wurde, weiß das Internetz: Auch am Grab in Linz sei ein solcher zu finden, da lag es nahe, auch hier einen zu errichten; der Architekt war im übrigen Heinrich von Ferstel, insofern ist das Denkmal überraschend schlicht.

Hier ist es an der Zeit, einige Beobachtungen zu machen, einige Hypothesen aufzustellen, die WanderInnen und deren Kleidung betreffend. Anderenorts wurde schon ausreichend über das unzureichende Schuhwerk geklagt, mit dem der Wanderer, die Wandererin auch die unmöglichsten Stellen erklimmen. Mein Liebling diesmal waren Ballerinas aus Plastik. Auch hege ich den Verdacht, dass in einigen Jahren das Wanderhemd für den Mann verschwinden und durch Funktionsshirts ersetzt werden wird, die Radfahrer normalerweise tragen - grellbunt, figurbetont, ein Täschchen am Rücken. Ein Modetrend, der grundsätzlich abzulehnen ist. Des weiteren verwundert mich, dass erwachsene Wandererinnen sich so gerne mit rosa Accessoires schmücken. Aber, wer bin ich, in Stilfragen Kritik zu üben, am Plöckenstein trage ich ein geknotetes Geschirrtuch am Kopf, da ich meinen Sonnenhut am Zimmer vergessen hatte, aus einer Not eine Tugend machend.


Adalbert Stifter ist hier ausgereizt

Adalbert-Stifter-Volksschule. Adalbert-Stifter-Steig. Adalbert-Stifter-Obelisk. Die Flechten des oberen Mühlviertels zur Zeit Adalbert Stifters (Schautafel). Adalbert-Stifter-Rundweg. Adalbert-Stifter-Jugendherberge. Stifter-Haus. Adalbert-Stifter-Mehrzweckhalle. -Gemeinde. -Verein. -Jahrbuch. Adalbert-Stifter-Institut. Adalbert-Stifter-Straße. Tschechisch-Deutsches-Adalbert-Stifter-Symposion.

Der in Linz ansässige Adalbert Stifter bezog seine Würstel vom Fleischermeister Lahner (Ecke Kaiserstraße / Lerchenfelderstrasse) aus Wien, allerdings nur im Winter, weil sie (die Würstel) ansonsten den Transport nach Linz per Postkutsche nicht überlebten.  Stifter ist ausgereizt, dank Kurt Palm auch in der Forschung (Suppe Taube Spargel sehr sehr gut. Essen und trinken mit Adalbert Stifter. Löcker Verlag, Wien 1999). 
In einigen großen Buchhandelsketten in Wien (etwa Thalia) gibt's im übrigen kein einziges Buch von ihm (Stifter, nicht Palm), und der Buchhändler meines Vertrauens in der Alser Straße drückte mir vor der Reise dankbar den Nachsommer (9,90 statt 39,90, 743 Seiten) in die Hand, der Hochwald war vergriffen. 

Schwer lag er in meinem Rucksack, der Nachsommer.

Not und Tugend

Epilog. Kulinarisches aus dem Gasthaus zum Überleben - eine Empfehlung

Neben dem Donauparadies Gierlinger ist das Gasthaus zum Überleben ein weiterer kulinarischer Höhepunkt im Mühlviertel.
Kistensau mit Mehlknödel
Saurer Kaas







Montag, 8. Dezember 2014

Herr H. kauft sich Socken und geht mit mir Essen

Hochfest der ohne Erbschuld empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria, 8.12. 2014
14 km, 10.30 - 17.00 Uhr

Jonas-Reindl - Freyung - Am Hof - Graben - Rotenturmstrasse - Stephansplatz - Kärntnerstraße - Oper - Neuer Markt - Graben - Kohlmarkt - Heldenplatz - Museumsquartier - Mariahilfer Straße - Neubaugasse - Kirchengasse - Mariahilfer Straße - Westbahnhof - Mariahilfer Straße - Babenbergerstraße - Heldenplatz - Kohlmarkt - Stephansplatz - Naglergasse - Jonas-Reindl


1985 wäre ein Landeshauptmann wegen Mariä Empfängnis beinahe ins Häf'n gegangen. Im besagten Jahr war der 8. Dezember auf einen Einkaufssamstag gefallen, die Wirtschaftskammer hyperventilierte und Wilfried Haslauer sen., damals frisch wiedergewählter Landeshauptmann von Salzburg, ließ die Geschäfte offen halten. Nur hatte er die Rechnung ohne den mächtigen Sozialminister Alfred Dallinger gemacht. Der nahm den Fehdehandschuh der Schwarzen auf und saß am Ende am längeren Ast. Es kam zur Ministeranklage gegen Haslinger, und er wurde abgestraft.

Was vor 30 Jahren noch eine die Republik erschütternde Chose war, ist seit 19 Jahren ein Ding der Selbstverständlichkeit. Am 8. Dezember bleiben die Geschäfte offen, und, abertausende Weihnachtsgeschenke werden gekauft.

An einem solchen Tag über Stunden durch die Stadt zu schlendern, erschien Herrn H. und mir als eine verschärfte Form der Stadtwanderung; sich der Schwemme auszusetzen müsste, so die Annahme, zumindest einer zweimaligen Erklimmung des  Hermannkogels gleichkommen.

Die Planung war kurz und phantasiereich. Die Idee war, mit dem ersten Ikeabus in die SCS zu fahren, den Vormittag in der Shopping City zu verbringen und sich dann am Nachmittag in den ersten Bezirk zu stürzen. Das erschien dann doch als zu herausfordernd. Herr H. brachte den Vorschlag ein, sich mit zwei riesigen Einkaufstaschen auf den Weg zu machen, eine Idee, die Gott sei Dank schnell wieder in Vergessenheit geriet. Schließlich wurde als Startpunkt das Jonas-Reindl vereinbart.

Messengatter
Wir beginnen um 10 Uhr 30 - zu früh. Die Freyung ist nur schütter besetzt, und man kann fast tänzelnd durch das Palais Ferstel und über den Hof kommen. Vor dem schwarzen Kamel werden gerade noch die Spuren beseitigt, die die Wiener Schickeria am Vorabend an deren Austernbar hinterlassen hatte.

Nicht alle Geschäfte sind der Versuchung des schnöden Mammons zu Mariä Empfängnis erlegen. Die Schwäbische Jungfrau hält geschlossen, und niemand kann an diesem Tag den  "Kloumrandungsteppich" um 125 € erstehen, der dort feil geboten wird. Gerade kleine Geschäfte tun's der Jungfrau gleich, und gleichzeitig stürmen die Kundschaften nicht jedes Lokal. Gähnende Leere bei Salvatore Ferragamo, in einem Strumpfhosengeschäft haben die Verkäuferinnen viel Zeit für sich und bei Adil Besim lackiert die Dame am Empfang in aller Ruhe ihre Fingernägel.

Es ist Marienfeiertag, und im Stephansdom ist Hochamt. Wir diskutieren kurz, was nun ein "Hochamt" zu einem "Hochamt" macht, und können uns als liturgische Laien nicht einigen. Noch dazu sind wir beide zu kurzsichtig, um ausmachen zu können, wer nun die Messe zelebriert. Ich glaube ein purpurnes Käppi erkennen zu können und schließe auf den Kardinal, Herr H. rechnet mit dem Dompfarrer. Jedoch kein Punkt, wegen dem man sich in die Haare bekommen müßte, nur ein gemeinsamer Besuch beim Augenarzt wird in Aussicht genommen.

Dieses obskure Objekt der Begierde

Wir folgen der Weihnachtsbeleuchtung der Rotenturmstraße, diesen riesigen roten Kugeln, nur um wieder umzudrehen und durch die enttäuschend besuchte Kärntnerstraße zu schlendern. Besser besucht ist das Bekleidungsgeschäft, das nächst dem Finanzministerium Oberbekleidung, Accessoires und alles sonst noch Erdenkliche anbietet. Wir wollen Socken kaufen. Der Sockenkauf ist eine der vornehmsten Feiertagsbeschäftigungen, wenn nicht die vornehmste. Er ist nicht so riskant wie der Hosenkauf, aber gleichsam notwendig, wichtig und nicht trivial. Am Sockenkauf stirbt man nicht, man bekommt höchstens einen Rachenkatarrh.  Es gilt eine Richtungsentscheidung zu treffen. Schlägt man sich auf die Seite der modischen Gecken, der flamboyanten Dandys, der narzisstischen Ego-Akrobaten und greift zu orange, türkis oder hellrosa? Oder ist man einer der Grauen, der Schwarzen, meinetwegen der Dunkelblauen? Herr H. und ich sind beide Vertreter der letzteren Fraktion, obgleich wir kurz orange (Herr H.) und gestreifte (ich) in der Hand halten, die aber mit leicht angewiderten Gesichtsausdruck zurücklegen. Keine Schlange bei der Kassa, enttäuschend.



Nach Umrundung der Oper kehren wir wieder in Richtung Graben und Kohlmarkt zurück, beim Punschstand des Lions-Clubs sind nur vereinzelnde Glühwein-TrinkerInnen [2] zu sehen, und das Sicherheitspersonal der Juweliere und Edelmarken steht verloren vor den Geschäften. Im übrigen. Ein Damen-Übergangsmantel bei Chanel kostet 5.865 €, das Sicherheitspersonal wurde berechtigterweise engagiert.
Geschmacklose Luster

Gemeinsam mit 10.000 ItalienerInnen machen wir Pause - im Demel. Interessanterweise bekommen
wir sofort einen Tisch, die Demelianerinnen servieren rasch und umsichtig Kaffee. Als wir später die Rechnung in Händen halten, trösten wir uns damit, dass es beim Landtmann  ähnlich teuer gewesen wäre; wahrscheinlich röstet man hier im Udo-Proksch-Land die Bohnen mit Blattgold, und das senkrecht. 

Geschmacklose Weihnachtsmärkte
Der Weihnachtsmarkt zwischen den großen Museen ist gut besucht, wir zwängen uns in Richtung Museumsquartier, das recht verlassen mitten in der Stadt liegt. Kein Abstecher ins Ludwig oder ins Leopold, gleich weiter in die Mariahilfer Straße. Hier ist gleich viel mehr los. Das Publikum ist ein anderes als im ersten Bezirk, weniger Geldadel, weniger Touristen. Die Fußgängerzone und die Begegnungszone machen sich gut, sehr gut sogar, es ist eine Freude hier entlang zu gehen und man fragt sich, wo all die MisantropInnen geblieben sind, die noch vor einigen Monaten gegen die Fuzo gewettert hatten. Wir gehen nochmals das Thema Socken an und besuchen ein niedrigpreisigen, aber großflächigen Modetempel. Hier werden Socken Marke "fresh feet" angeboten, mit Anti-Geruchsgarantie, und wir diskutieren, welche Zielgruppe mit einer solchen Marketingstrategie wohl angesprochen werden soll.

Eine gute Rindsuppe Bernhard
die wünsche ich jetzt
ist es kalt
wünschen wir eine heiße Rindsuppe
Österreich ist das beste Rindsuppenland
nichts ist besser in Österreich als die Rindsuppe.

Hunger! Wir steuern die klassischen Wirtshäuser des siebten Bezirkes an, die alle geschlossen haben. Nur aus dem Schnitzlwirt quellen die TouristInnen. (Wien hat ein 8. Dezember - Wirtshausproblem.) Wir beginnen mit großen kulinarischen Vorhaben und enden beim Raddatz. Dort kann man durchaus gut jausnen, und wir unterhalten uns bestens über Bosna, Käsekrainer, deren regionalen Ausprägungen und Ursprünge.

Eine Skaterausrüstung?
Die Luft ist heraußen, Wir schmökern noch in einer großen Buchhandlung, ich blättere im Werke Thomas Bernhards (s.o.),  hier ist dann Umsatz. Schließlich die Schleife über das Ende der Mariahilfer Straße und dann zurück in den ersten Bezirk, um zu sehen, ob am Abend mehr Leben ist. Und in der Tat, die Innenstadt ist gut gefüllt, der Punschstand des Lions Club pulsiert, nur bei Ferragamo ist noch immer gähnende Leere.

Die Wirtschaftskammer Wien hat heute mit 120.000 EinkäuferInnen gerechnet, meldet "wien heute" am Abend: "Im Kaufrausch. Heute haben 10.000ende die Wiener Geschäfte gestürmt." Herr H., seine Socken und ich haben unseren Teil dazu beigetragen.    

Freitag, 2. Mai 2014

42.195 Wien. Auf den Spuren Getu Felekes


Reichsbrücke - Praterstern - Hauptallee - Schüttelstraße - Schwedenbrücke - Ring - Linke Wienzeile - Schloßallee - Mariahilferstraße - Ring - Lichtensteinstraße - Julius Tandler Platz - Friedensbrücke - Brigittenauer Lände - Praterstraße - Praterstern - Stadion - Lusthaus - Schüttelstraße - Franzensbrücke - Vordere Zollamtstraße - Ring - Heldenplatz

1. Mai 2014, 41,125 km. Start 5:45 Uhr, Ziel 16:30 Uhr

Über 42.000 Läuferinnen und Läufer haben 2014 am Wienmarathon teilgenommen, das sind etwa zehn mal so viele wie bei der ersten Auflage vor dreißig Jahren. Ich selbst habe ja mehrmals zu laufen begonnen. Nach traumatischen Erlebnissen während der Schulzeit erinnere ich mich an einen Anlauf Mitte der 90iger Jahre. Ich wohnte damals am Ende der Pfeilgasse, und eines winterlichen Morgens hatte ich mir ein Herz gefasst und bin, ausgerüstet mit Handschuhen und Haube, gestartet. Über die Tigergasse, 300 Meter entfernt, bin ich nie hinaugekommen, es blieb bei dem einen Versuch.  Um 2003 hatte ich dieses läuferische Abenteuer offensichtlich schon vergessen; draufgängerisch startete ich beim Wiener Frühlingslauf. Es war wunderbares Wetter, und über die Reichsbrücke ging es schnell voran, so schnell, dass ich am Mexikoplatz bereits zu spazieren begonnen hatte. Wenig später, ich bilde mir ein, es war dann doch am Ring, verfolgte mich bereits das Mistkommando, das traditionell am Ende des Teilnehmerfeldes Pappbecher und Bananenschalen einsammelte; nicht nur die MA 48, sondern auch eine Migräne holte mich ein und ich fand mich in einem Lazarettzelt wieder, wo mir schnell eine Spritze unbekannten Inhalts gesetzt und ich recht rasch wieder in die Freiheit entlassen wurde.
Man wird mir also kaum abnehmen, dass der Marathon eine magische Anziehungskraft auf mich ausübt, der ich mich nicht entziehen kann. Aber neugierig bin ich schon. Mein bisheriger Weitenrekord beim Wandern sind 34 km, und die letzen Kilometer robbte ich seinerzeit quasi am Zahnfleisch. Also, werde ich die 42,195 km (als Wanderer) schaffen? Und wie mache ich mich bis zum Einbiegen auf den Heldenplatz? Ich bin mal gespannt.

Frühmorgens auf der Platte

Ich starte gegen sechs Uhr auf der Platte, bewundere den DC Tower und die völlig heruntergekommenen Lokale der Copa Cagrana und der Sunken City. Der Wind bläst stark, so wie er es auf der Platte immer tut; keine Menschenseele weit und breit, nur ein Mann auf einem blauen Rennrad überholt mich. Das Schulschiff liegt ruhig vor Anker, und die Kellner eines Kreuzfahrtschiffes rauchen bedächtig an ihren Zigaretten, bevor die ersten Gäste das Frühstückbuffet stürmen.
Am Mexikoplatz kann man angeblich günstig allerhand Kram einkaufen, nur nicht zu dieser Uhrzeit. Bienenfleißige BankerInnen der Bank Austria bevölkern ansonsten die Lasallestraße, nur nicht heute. Dafür ist am Praterstern umso mehr los, in Gruppen stehen übriggebliebene Kinder der Nacht zusammen, und nicht wenige erstehen im Mac Donalds ihr Frühstück. Auch das traditionelle Klientel des Pratersterns - jenes mit schlechten Zähnen und einem verbesserungswürdigen Zugang zur Körperpflege - ist schon zahlreich versammelt. Ich entfliehe dem Stern in Richtung Prater.

Im Prater blüh'n wieder die Bäume

Auf der Wiese beim Riesenrad machen einige Arbeiter die letzen Handgriffe zum Aufbau der Bühnen, der Hendlgrills und der Getränkestande - hier wird's heute noch Rambazamba am Praterfest geben. Die Streckenführung des Marathons macht es möglich, dass ich mich in einigen Stunden auch davon überzeugen werde können. Die Kastanien auf der Hauptallee blühen in ihrer ganzen Pracht, und es fehlt nicht viel, und Robert Stolz nebst Gattin werden in einem Fiaker vorbeigezogen, Enzi Stolz ein Potpourri von Roberts schönsten Melodien summend. Ich gedenke dem Film aus den 50igern mit Theo Lingen und der Matz, "Im Prater blühen wieder die Bäume", der zu einer Zeit spielt, zu der man noch Mitzi hieß und die Mitzi die Beförderung ihres Galans zum dritten Korepititor noch am Blumenkorso im Prater feierte.  Beim Stadion biege ich dann nach rechts, und entlang von Schrebergärten komme ich beim Donakanal an, in der Schüttelstraße.

Schüttel owi

Schöne Lokale an der Lände
Wollen wir euphemistisch sein. Die Schüttelstraße zählt, neben der Triester Straße und der Tangente zu den urbansten Gegenden der Stadt. Vom Flughafen oder aus dem Burgenland kommend brausen die Autos hier in das Zentrum Wiens.  Auf die Schüttelstraße hätte ich heute gut und gern verzichten können. Trost bringt dann, nach der Querung des Kanals bei der Schwedenbrücke, der Ring. Hier bereiten umsichtige PolizistInnen den Aufmarsch zum 1. Mai vor, und gelangweilte Kellner in schwarzen Anzügen beobachten das Aufbauen von Sperren und die Umleitung des Verkehrs. Nach 2 Stunden und 5 Minuten bin ich dann am Schwarzenbergplatz, also zu einer Zeit, in der Getu Feleke, der Sieger des Marathons 2014, einige Wochen zuvor bereits triumphierend am Heldenplatz einlief. Ich habe noch Schönbrunn, das Lichtenthal und ein zweites Mal den Prater vor mir, und, dies gedenkend, kehre ich hier auf ein Schwarzenbergfrühstück ein. Neben mir sitzen zwei deutsche TouristInnen, beide um die 30, die sich, trotz der frühen Stunde, bei Marmelade und Eier im Glas sehr lebhaft über die deutsche Klassik unterhalten. Allerdings besteht diese Unterhaltung eher aus einem Monolog des Mannes, der in der Aussage gipfelt: "Ich hab' schon Schiller gelesen, da warst du noch nicht einmal geboren!" Wohlig erschaudernd ziehe ich weiter, die Aufstellung der Fraktion Sozialistischer Gewerkschafter zum Aufmarsch beobachtend, hinauf Richtung Schönbrunn.

Wienzeile, Schönbrunn und eine gesperrte Mariahilfer

Schöne Geschäfte: Mariahilfer Straße 200
Ich war vorhin ungerecht. Die Linke Wienzeile gehört, vor allem auf der Höhe des Gürtels, auch zu den urbansten Gegenden der Stadt. Hier gibt es zwar immer wieder kleine Parkanlagen und Bänke, aber niemand würde ernsthaft Erholung suchen. Vor allem zu Beginn, auf Höhe und nach dem Naschmarkt, sind hier prachtvolle Häuser zu finden, aber die Geschäfte ziehen ab und verstecken sich in den Tiefen des sechsten Bezirks oder ganz woanders. Der Wienfluss ist zur Zeit ein träges Bächlein, und vom Rückbau und den Spazierwegen entlang des Wassers ist hier auch nicht viel zu sehen, kein Wunder, fließt der Fluss doch hier auch unterirdisch. Später, in Schönbrunn, ballen sich die TouristInnen, die Busse parken in zweiter Spur und auch aus der U-Bahn quellen Trauben von Menschen. Ein Unterschied zu früher am Morgen und ein Vorgeschmack auf später.
Perlen der Wienzeile
Ich werfe einen kurzen Blick auf das Schlos, denke erneut an die Johanna Mratz (im Flm, "Im Prater..." also known as Lissi), die mit einem Erzherzog Peter Ferdinand (welcher Habsburger hieß schon je Peter? Also wirklich, WienFilm!) ein jungfräuliches Pantscherl hatte. Wenig später geht es in Richtung der Äußeren Mariahilferstraße. Genauso wie die Innere Mariahilferstraße eine Einkaufsmeile, ist die Äußere eine Schnitzelsemmelmeile. Imbiss an Imbiss reiht sich hier aneinander, und man kann zwischen Emmentalersemmerl, gebackenen Geflügelteile oder Kebab wählen. Die tragische Attraktion der Mariahilferstraße ist aber zur Zeit das explodierte Haus, das von der Feuerwehr und mit großem Gerät abgebaut und von gezählten acht PolizistInnen großräumig abgesperrt wird. 
In einen der Nebenstraßen hier wohnten einst Freunde, und so manches Espresso, so manches Tschecherl wecken Erinnerungen.  



Gesperrte Mariahilfer

Jo schau owa!

Heraus zum ersten Mai!

2006 und 2007 folgte ich am ersten Mai, mit Kinderwagen, noch der Sektion Fuchsenloch und zog von Ottakring hinein zum Rathausplatz. Ich kannte zwar niemanden, aber das Wetter war schön und die älteren Semester erzählten interessantes, etwa, wie diese Märsche in den 30igern des vorigen Jahrhunderts organisiert worden waren. Die Musik war gut, es gelang mir immer, mich hinter einer Jazzband einzuordnen, und schon damals waren die DINKS (heute: Bobos) lustige Kerlchen in roten Schuhen.
Als Richard Nimmerrichter noch als Kolumnist wirkte, war der Tag der Arbeit immer ein Großkampftag der Krone. Man feierte seinerzeit etwa, dass die StraßenbahnerInnen endlich auch am ersten Mai arbeiten müssen und der Staberl machte sich über die lichten Reihen beim Maiaufmarsch der Sozis lustig, früher sei das viel geordneter und dichter abgegangen. Ich muss hier dem Staberl widersprechen. Die Reihen sind nicht licht, nur die Gruppen sind kleiner. Die Gruppe der FSG etwa, mit Präsidenten Erich Folgar an der Spitze, hat gleichviel MarschiererInnen wie MusikantInnen dabei und ich habe schon Sorge, dass der erste Mai 2014 eine morbide Geschichte wird. Bestärkt werde ich hierbei von den Caledonian Pipes and Drums Burgenland, die für den Präsidenten und seine Freunde "Ich hatt' einen Kameraden" spielen, auf schottisch. 
Der Bürgermeister blickt auf seine roten Socken
Eine dünne Waldviertler Vertreterin der schwarzen Kernwählerschaft, mir persönlich bekannt (und wenig zugetan) behauptete ja immer, dass die Parteispitze der SPÖ die MarschiererInnen mit Würstel und Bier bestechen würde. Meine Einwände, dass ich nie Würstel und Bier bekommen hätte, wurden von der schwarzen Waldviertlerin immer weggewischt; Kreisky selbst hätte verdienten GenossInnen die Frankfurter mit den bloßen Händen aus dem kochenden Wasser gefischt. Meinerseel. Aber vielleicht hätte die Partei heute zu solchen Tricks greifen sollen? Die Abordnungen  aus Mariahilf und Neubau, die ich am Morgen beobachte sind so klein, dass solche Taschenspielertricks wohl notwendig wären. Allerdings ist mein negativer Eindruck am Morgen fehl am Platz, gegen Mittag ist der Ring gut gefüllt und mit Interesse beobachte ich die Stände von Gruppierungen links der Sozialdemokratie und den Aufmarsch der KPÖ, der zahlenmäßig übrigens stärker war als der der FSG. Hier agitieren die Gruppe Klassenkampf der österreichischen Sektion des Kollektivs permanente Revolution (CoRep), Gruppierungen aus dem Nahen Osten, die Jugendorganisation Revolution und die Organisation arbeiter-innen-kampf, während die SPÖ am Mercato Rosso trinkt.

Jedoch - beeindruckend ist der erste Mai allemal. Die stolzen alten Fahnen, die mitgetragen werden, die alten Symbole wie das der drei Pfeile, dem Kampfabzeichen der Sozialdemokratie gegen Faschismus und Reaktion, eingefasst vom "roten Ring der Freiheit". Menschen, die stolz das Abzeichen des ersten Mais tragen und kleine Fahnen schwenken.
Ansonsten ist es der richtige Tag, rote T-Shirts auszutragen, rote Schuhe oder Hosen anzuziehen oder sich den Commandante an die Brust zu pinnen. Ich sehe den Schriftzug der Aeroflot, CCCP, das Bildnis des Maximo Liders, daneben antichambrierende Wiener VorstandsdirektorInnen - und den Chef der Raiffeisenbank Oberösterreich, dem ich aber nicht unterstelle, zum Maiaufmarsch in die Bundeshauptstadt gekommen zu sein, so schlimm kann es nun wirklich nicht um die Raika OÖ stehen - oder? 

Doderer-Gedächtnis-Marathon

Doderers Stiege
Ich verlasse die Innere Stadt über die Lichtensteinstraße, an deren Ende sich ja die Strudelhofstiege befindet. Hier, auf den Stufen sitzend, denke ich an den Doderer und daran, dass mein Weg mich heute durch viele Schauplätze der Dämonen und, eben der Strudelhofstiege führt. Der Weg ging am Justizpalast vorbei, hier an der Stiege strudelt der Rene Stangeler durch die Romane, Major Melzer wohnte in der Porzellangasse, nicht unweit der Miserowkyschen Zwillinge;  am Julius Tandlerplatz, wird der Mary K. am 21. September 1925 von der Tramway der Unterschenkel abgefahren; sie wohnte übrigens am Althanplatz 6 (heute eben der Tandlerplatz), einige Wochen vorher spielte sie noch im Prater Tennis. Der rumänische Arzt Dr. Negria ruderte am Kanal seine mehr oder weniger Geliebten durch die Gegend, und bei der Friedensbrücke verbrachte der Weber Leonhard Kabaska schöne Stunden mit jungen Damen. Nur zur Sommerfrische an der Rax komme ich heute nicht.

Zurück in den Prater

Es ist nun nach Mittag, und ich werde mürbe. Das Beuschel nahe der Taborstraße richtet mich wieder auf,
Auch das ist die Hauptallee
und ich strebe via Praterstraße und -stern wieder der Hauptallee zu. jetzt ist der Prater mehr als gefüllt, auch wenn die Bands vor dem Riesenrad gerade in Pause sind; man kommt kaum durch die Massen hindurch. Ich frage mich kurz nach den Tagesumsatz im Schweizerhaus und mache mich daran, den Weg zum Lusthaus abzuarbeiten, der nicht und nicht kürzer wird. Das selbige ist gut gefüllt, unzählige deutsche Sportcoupes geben einen Eindruck von der dortigen Gästeschar, einige ReiterInnen kommen hier gemächlich vorbei. Ich habe wenig Lust, hier Rast zu machen. Die Hauptallee ist ja eine Begegnungszone für LäuferInnen, RadfahrerInnen und SpaziergängerInnen, und man spürt die Ressentiment der einzelnen Gruppen gegenüber den anderen. Wieder zurück in Richtung Stadion, der Weg wird nicht kürzer, und auch das zweite mal Schüttelstraße nimmt mich nicht für die Gegend hier ein. Aber - ein Ende ist in Sicht!

Heldenplatz - ein Einlauf

Machen wir es kurz: ich werde langsamer. Im Prater sitze ich einige zeit auf einer Bank und belausche zwei Amerikaner, die sich über den "kommunistischen Auflauf" heute unterhalten und über die Möglichkeit, "diese Menschen zu heilen". Bei einem Würstelstand geselle ich mich zu einer Gruppe RadfahrerInnen und höre ihnen beim Schweigen zu. Eine kleine Portion Eis. Ein schwarzer Kaffee. Dort eine Halbe Soda, da noch eine. Der "kommunistische Auflauf" hat sich zerstreut, aber nicht die TouristInnen, mit einer Reisegruppe unbestimmter Herkunft laufe ich, dann doch stolz, am Heldenplatz ein.   
Beweisphoto.


Ein Resüme in Zahlen.

  • 42.195.
  • 62. Ich musste zweiundsechzig Ampeln queren, gefühlte einundvierzig davon waren rot.
  • 17. In siebzehn verschiedenen Imbissen hätte ich mit einer Schnitzelsemmel nichts für meinen Cholesterinspiegel tun können.
  • 11. Wien ist eine Stadt der öffentlichen Toilettanlagen. Eines der dichtesten Toilettanlagennetze überhaupt.
  • 9. In neun verschiedenen Wettlokalen hätte ich auf das Spiel des Tages (Juventus gegen Benfica) setzen können und hätte neun mal verloren.
  • 9. Neunmal wären mir die Haare geschnitten worden, wenn der Tag der Arbeit ein Arbeitstag wäre.
  • 6. An sechs verschiedenen Stationen hätte ich beim Mac Donalds einkehren können, einmal wäre ein Whooper Ersatz gewesen.
  • 2. Eine Tube Diana mit Menthol war am Abend zu wenig. 













Dienstag, 7. Januar 2014

Quer durch Wien. Der Ost-West-Weg.

Eßling - Heustadlmais - Aspern - Mühlwasser - Strandbad Stadlau - Kaisermühlendamm - Donau City - Donauinsel - Floridsdorfer Brücke - Friedrich Engels-Platz - Muthgasse - Heiligenstädter Straße - Kardinal Initzer Platz - In der Krim - Weinberggasse - Hackenberg - Mitterwurzn - Neustift/ Walde

Dreikönigstag, 6. 1. 2014. 230 Meter Aufstieg. 29 km.

Wien bietet 13 Stadtwanderwege, oder sind es 14, wer weiß, und während das Gros entlang der Stadtgrenzen angesiedelt ist, gibt es zwei, die quer durch die Stadt führen, einer vom Kahlenbergerdorf nach Oberlaa, der andere, der unsrige, die Nummer 12, von Eßling nach Neustift am Walde. G. begleitet mich, ein passionierter Geher, und ich habe (dann sich als unnötig herausstellende) Bedenken, welches Tempo er wohl einschlagen wird. Die Anreise ist neu – via die Verlängerung der U2 nach Aspernstraße, und dann weiter mit dem Bus Richtung Groß Enzersdorf, der uns in Eßling hinausschmeißen wird.

Die Kirche in Eßling. links im Bild mein Mitwanderer G.
Vor Jahren, es sind deren neun, bin ich den Nord Süd Weg gegangen, damals mit M, und Böhmischer Prater und das schwefelumhangene Oberlaa sind ihm und mir noch bestens in Erinnerung. So sehe ich auch dieser Wanderung hoffnungsfroh entgegen, wann kommt man schon nach Aspern oder nach Eßling. Noch dazu ist das Wetter, das Licht an diesem Dreikönigstag exquisit. Die U2, die ab Donaumarina oberirdisch geführt wird, gibt den Blick freu auf Neubauviertel, in denen man sich an solchen Tagen sogar vorstellen könnte zu wohnen. Nur wenige stadtplanerische Verbrechen sind zu beklagen, und zwischen den modernen Bauten sieht man die Glashäuser alter Wiener Gärtnereien, deren Besitzer mit Sicherheit die nächsten Eßlinger Immobilienmillionäre sein werden. In der Aspernstraße findet sich ein Hinweisschild, dass hier in der Nähe Wiener Gemüse ab Hof verkauft wird, gleich neben "Blumen Elsa, Poesie für die Vase." Kurz nach Neun kommen wir in Eßling an.

Ich weiß, dass der Ausgangspunkt die Eßlinger Kirche (im übrigen ein äußerst apartes Bauwerk, dass seit Jahren den Putz verliert) ist, das Geläut ihrer Glocken weisen uns den Weg. Wir verlassen die Hauptstraße, und tauchen über die Kirschenallee und dem Eßlinger Sportplatz in die neue Eßlinger Vorstadt ein, in der sich ein ähnliches Haus an das nächste reiht. Heute scheint der traditionelle Tag der Christbaumentsorgung zu sein. Der Eßlinger, der Asperner, der Wiener (Christbaumentsorgung ist männlich) sind aber seriösere Christbaumentsorger als die Schweden, Finnen und Norweger, die das ja am 13. Jänner zu St. Knut tun, und wenn man der Werbung eines schwedischen Möbelhauses Glauben schenken mag, via Delogierung durchs Fenster. (Der hl. Knut IV., Christianisierer des Nordens mit leichten Hang zu Gewaltexzessen, wurde im 11. Jhdt. heilig gesprochen und ist der Patron Dänemarks, nicht von IKEA). Währen der Christbaum also heute das Zeitliche segnet, ist man noch weit davon entfernt, sich von der Weihnachts- und Winterdeko zu trennen. Neu sind mir jedenfalls die Lichterketten in Eiszapfenform und die stilisierten Rentiergeweihe auf Porzelanmöpsen in Vorgärten.

 Aspern ist frei jedes gastronomischen Anspruchs. Wir vernachlässigen die Pfarrkirche St. Martin und den Löwen von Aspern, auch gehen wir nicht auf französische Spurensuche. Der Weg führt weiter Richtung des Mühlwassers, und einige Palmen stimmen auf die Ausläufer der Donauküste ein. Wir ergehen uns in einer architekturkritischen Diskussion. Während G. quadratische Fenster und Sichtschutze besonders abstoßend empfindet, spreche ich mich gegen braune Hausfarben aus, breche aber eine Lanze für Eternitfassaden. Wir werden von den Spuren einer agilen Biberpopulation am Mühlwasser abgelenkt, Spuren, die sich im übrigen bis auf die Donauinsel ziehen. Einige dem Biber wenig wohlgesonnene Personen haben Bäume mit Drahtnetzen und Alufolie (wahrscheinlich wegen der Biber mit Plomben) umwickelt und verhindern so ein großflächigeres Abholzen. BiberInnen sind leider scheu, von ihnen ist hier nichts zu entdecken, kein Biberbarthaar, kein Biberrücken ist zu sehen.
Wir gelangen schließlich zum Ufer der alten Donau. Hier ziehen Ruderinnen und Ruderer ihre Bahnen, es sind viele JoggerInnen unterwegs, hie und da hockt ein von der Sonne verzückter Spaziergänger an einer Mauer, eine ähnlich verzückte Spaziergängerin lehnt an der Leitplanke einer wenig befahrenen Straße und hat die Augen geschlossen. Wir sind ganz baff. Das Wasser ist klar wie ein Bergsee, und wahrscheinlich auch so kalt. Allerdings sieht man keine Fische, nur Scherben der vergangenen Silvestersause. Unser Ziel ist die U1 Station beim Vienna International Center, genauer der Würstelstand, den wir dort in Erinnerung haben. Der hat auch geöffnet, ist allerdings kein Würstel-, sondern ein Multifunktionsdürumhotdogpferdeleberkäsestand, aber auch ein Kebab sättigt. Hernach bewundern wir die neuen DC Towers, die einmal ein Hotel, Büros und Wohnungen beherbergen sollen und mit 250 Metern Wiens höchstes Hochhaus sind (nur der Donauturm ist um zwei Meter höher).


Auch die Donauinsel ist gut besucht, ein Polizeiboot saust an uns vorbei und am gegenüberliegenden Ufer hat sich rund um ein dort liegendes Schiff eine Traube Schaulustiger gebildet, die den Einsatz der Exekutive eingehend beobachtet. Über die Floridsdorfer Brücke queren wir die Donau, nehmen beim Kebab Stand einen Espresso und sind erstaunt, dass hier, in umittelbarer Nähe der Brigittenauer Kapelle, die Universal Edition beheimatet ist. Hinüber über den Donaukanal, an den hart arbeitenden Journalisten der Kronen Zeitung und am "Internationalen Pressezentrum", dem APA Hochhaus (dem traurigsten Haus Wiens) vorbei. Hier, in Sichtweite seines ehemaligen Krone-Partners Hans Dichand, habe Kurt Falk auf eigene Kosten in den Siebzigern eine riesige "Falk" Leuchtreklame installieren lassen. Ganz offensichtlich ein Mann mit Humor.
Kurz vor der Privatklinik Döbling steigen wir in den neuzehnten Bezirk hinauf, den wir jetzt über viele Seitenstraßen in Richtung Weinberge durchqueren. Hier produziert die Firma Wieshofer & Co ihre Kronluster, hier residiert die Ronald Lauder Business School, hier residieren in verwunschen Häusern aus 1900 kleine Pharmaunternehmen und die Kirchenbeitragsstelle Döbling.

Der Weg steigt, ebenso wie die Kaufkraft der AnwohnerInnen, stetig an. An uns zischt in ihrem BMW Kombi die neue Familienministerin mit genervtem Gesichtsausdruck und Tochter am Sozius vorbei, ein bisschen später, schon im Weingarten, joggt der Präsident der Akademie der Wissenschaften samt Hund kurzatmig daher. In Neustift, es dämmert schon leicht, bewundern wir noch einen uralten Landrover, der an den Fenstern dicht mit Moos bewachsen ist.

Am Weg zum Bus, der uns zurück in die Stadt bringen soll, summen wir frohgemut die "Neustifter Polka" der Hirter Buam, frohgemut noch nie am hiesigen Kirtag gewesen zu sein und auch nie zu sein werden.



An und für sich habe ich ja keinen Hang zur Gesellschaftskritik, aber...

Dienstag, 5. März 2013

Von Nußdorf, weiter.

3. März 2013

Nußdorf - Sirbu - Kahlenberg - Sender Kahlenberg - Hermmanskogel - Dreimarkstein - Hameau - Sofienalpe/Sender - Exlberg - Schwarzenberg-Allee . Neuwaldegg - Dornbach

21 km, 741 m Aufstieg, 669 m Anstieg. [es war anders geplant]


Das Wetter strahlt, und vor acht verlasse ich das Haus. Nach einer kurzen Visite bei meinem Bäcker Blutaumüller besteige ich, bequemer Maxi der ich bin, ein car2go und brause gen Nußdorf. Langsam geht es einen altbewährten Weg hinauf, nicht entlang des Stadtwanderweges, ich wähle stattdessen den Eichlhofweg. Vorbei an riesigen Villen, grün im Gesicht, geht es durch Weinberge bergauf. Langer Rede kurzer Sinn, vorbei an ehemaligen Schänken und geschlossenen heurigen, an Kleinstfriedhöfen und Kleinstuniversitäten komme ich zum Kahlenberg - und schnaufe. Das namensgleiche Hotel dürfte schon bessere Zeiten gesehen haben, das Café hat nur mehr Mittwoch bis Sonntag geöffnet, und das auch erst ab 11 Uhr. Gegenüber gibt es einen Souvenirshop und ein angeschlossenes "cafe to go", in dem man die überteuerten Mehlspeisen auf schmucklosen Papptellern serviert; der Kaffee kommt sinnigerweise von der Marke "Sobieski". Die Kirche, die ja ein interessantes Glockenspiel hat (meiner Erinnerung nach sind auch Hadern der volkstümlichen Musik im Repertoir) ist verstummt, die Uhr auf 12.00 stehengeblieben, kein Wunder, es ist der dritte Tag der Sedisvakanz.


Duzgrenze am Kahlenberg


Es geht weiter zum Sender, dann, an weniger Villen vorbei in den Wald entlang der Höhenstraße. Überall Spuren von ambitionierten Langläufer- und SkifahrerInnen. Der Winter hat Wälder und Wege fest im Griff, und trotz Sonne kommen keine Frühlingsgefühle auf.
Es ist ein Sonntag, und der Wiener, die Wienerin frönt dem Sonntagsspaziergange. Während man am Bisamberg den Wanderer noch grüßte, tut man es hier, ganz Weltstadt, nicht mehr, und ein älterer Herr  mit Klobrillenbart, dem ich am Dreimarkstein begegne, murmelt zu seiner Frau, dass es ja noch schöner wäre, unbekannten Leute, mitten in der Stadt, auf den Gruß zu danken. In dem Zusammenhang definiere ich nun ein Projekt für meine nächste längere Wanderung: Wo in Österreich verläuft die Duzgrenze, wo beginnen die Leute unbekannte aus Prinzip zu duzen und wo siezen sie noch? Meine These: Ab 150 EinwohnerInnen/ km² siezt man, darunter wird munter geduzt. Das und eine positive PendlerInnenquote; aber später einmal mehr dazu.

Winterwandern auf der Hameau


Langsam erreiche ich das Holländerdörfl. "Hameau" ist das französische "Weiler", und nur Zugroaste wie ich sprechen es nicht französisch aus. schon oft habe ich mich gefragt, wozu das einstöckige Häusl hier soll, und man klärt mich auf, dass es eine Schutzhütte für Skifahrer (lt. Wikipedia mit Geschichte) sei; gesehen habe ich an diesem Tage keinen. Es geht, vorbei an gefrorenen Teichen und Wienerwaldwiesen durch den Buchenwald hinauf Richtung Rotes Kreuz, Sophienalpe und dem Sender.

Die Glasfaser könnte des Exelbergs Tod sein

Ich glaube mich erinnern zu können, dass ich vor Jahr und Tag einmal vom Sender direkt zur Alpe gelangt sei und gehe also nicht entlang des Wanderweges, sondern steige die Schotterstraße rauf zur Richtfunkanlage Exelberg. Die Anlage verbindet mit dem Jauerling im Westen und dem Arsenal in Wien und leidet ein bisserl auslastungsmäßig unter dem Glasfaserkabel. Aber ich schweife ab, und auch das Abschweifen vom Weg war nicht die beste Idee, obgleich der abstieg nun, über einen engen Trampelpfad im Schnee und durch hohen Buchenwald landschaftlich durchaus wertvoll ist. Noch hoffe ich auf eine Abzweigung, die mich in Richtung der Rieglerhütte und dann weiter zum Schottenhof bringt, aber auch die versäume ich. Recht beschweren tu' ich mich nicht, ich setze mich zwischendurch auf einen Baumstumpf und lese den Sonntagskurier.




Aber weiter, ich sehe eine Kleingartensiedlung (Loislalm) und in der Ferne die Exelbergstraße.  Die Siedlung finde ich spannend, der Zugang zu den Hütten und Häusern ist nichts mehr als ein enger, unbefestigter steiler Steig, der mich schon rätseln lässt, wie man hier baut, geschweige denn, was passiert, wenn man einmal die Milch vergessen hat. Heraus komme ich an der besagten Straße, und zwar am dortigen Schießstand, ich gehe weiter und quere eine große, nasse Wiese. Hier haben Wildschweine fröhliche Urständ' gefeiert und man fragt sich, wo der aufrechte, die aufrechte Wiener JägerIn geblieben ist. In der ferne lacht die Jubiläumswarte herüber.

Vom Schmelzwasser umspühlt

Hier ist es, wie schon erwähnt, recht feucht. Dort, wo ansonsten ein Weg sein dürfte plätschert das Schmelzwasser gemütlich von Tümpel zu Weier. Erfolgreich breche ich durch eine dünne Schneedecke und finde mich in feinstem Schmelzwasser wieder. Meine Füße sind nass, die Motivation schwindet, und ich verzichte auf einen Weitermarsch nach Hütteldorf. (Ich habe auch getrödelt heute, Würstl in Saft da, ein Sonnenbankerl dort, etc.) Vorbei an der Villa von Hans Holt, an der Baustelle am Hanslteich, durch den Schwarzenberg Park hinunter nach Neuwaldegg. Zur Strafe für meine Müßigkeit bzw. zur Abrundung gehe ich noch der Alszeile entlang nach Dornbach.

 

Sonntag, 3. März 2013

Wienumrundung III: Gerasdorf - Nußdorf


Gerasdorf – Bahnstraße – Marchfeldkanal – Stammersdorf – Bisamberg – Wagramer Straße – Jedlersee – Nußdorf. 27 km

2. März 2013.

Auf nach Gerasdorf!  8.35 Ankunft, Der Slogan der Gemeinde lautet „Fühl mich wohl bei dir.“. Der Zug führe weiter, nach Mistelbach. Eine Werbung am Bahnhof verwirrt mich: „Obdachlos in Gerasdorf!“ – aber wenig später finde ich heraus, dass hier ein Immobilienmakler für seine Dienste wirbt.  Der Bahnhofswirt, der frühere legendäre „Zum Joschi“, wurde neu übernommen und heißt mittlerweile „Kathi und Marto“. Im Lokal überwiegt immer noch der resopalerne Charme, auch wenn Sportwettenautomaten und ein Großbildschirm eingezogen sind, auf dem die Wiederholung eines Damen-Beach-Volleyball- Turniers läuft. Der Stammtisch wurde noch vom „Zum Joschi“ übernommen, an dem drei ältere bis alte Herren sitzen. Einer von ihnen hat in einer Hand ein Achterl, mit dem Rücken der anderen streicht er gedankenverloren über eine große Bona-Öl-Dose, die vor ihm steht.

Der „Joschi“ ist in Pension

Die Schrankenanlage am Bahnhof ist offensichtlich ausgefallen, und zwei mürrische Herren der ÖBB müssen seine Rolle übernehmen. Gleich daneben befindet sich Lagerhaus und ein gar nicht einmal schmächtiger Lagerhausturm, ein untrügliches Zeichen, sich auf niederösterreichischem Boden zu befinden. Es ist der zweite Tag der Sedisvakanz und der Vortag der niederösterreichischen Landtagswahl und verschiedene wahlwerbende Gruppierungen haben entsprechende Plakate affichiert: „Saubere Madeleine“ oder „Wählen Sie Mandl, Mag., Lukas!“. „Mut zur Heimat.“, „Klar entscheiden“ u.ä.  Ich gehe entlang der Bahnstraße, die niedrigen Häuser und die Erdkeller erinnern eher an einen Weinbauernort. Aber wohl gehört Gerasdorf eh zum Weinviertel. Später folge ich dem Gemeindeweg, biege nach Norden ab, Richtung Machfeldkanal. Vor mir hüpft ein falscher Wiederhopf und begleitet mich ein Stück des Weges. Mein nächstes Ziel ist Stammersdorf, und in der Ferne sehe ich Donauturm und Milleniumstower.

Pralles Leben auf den zweiten Blick

Der Marchfeldkanal wurde Anfang der 80iger gegraben, um zu verhindern, dass der Grundwasserspiegel im Marchfeld absinkt. Offensichtlich war dieser in den Siebzigern massiv gesunken, was insofern bedenklich ist / war, weil eben das Marchfeld als Kornkammer und Gemüsegarten Österreichs gilt und gleichzeitig das größte Grundwasserreservoir Österreichs sei. Bei Langenzersdorf wird er, der Kanal, mit Wasser der neuen Donau gespeist und reicht bis zum Rußbach bei Deutsch Wagram. (Interessanterweise fließt nicht der Rußbach durch Niederrußbach und Oberrußbach im Weinviertel sondern der Hundsgraben. Warum nur? Eine offene Forschungsfrage für HeimatkundlerInnen!) An einer Schautafel steht hier am Kanal zu lesen: „Das pralle Leben im und rings um das Gewässer enthüllt sich erst auf den zweiten Blick“.
Auch muß ich zugeben, dass ich schon hier zu schwächeln beginne, der Muskelkater vom Vortag (und das Ölmützer Schnitzel…) sowie das mangelnde Training der Vormonate  fordern Tribut.


Die Wessely am Bisamberg


Langsam nähert man sich dem Bisamberg, und ich genieße Sonne und freue mich auf den Fernblick. Erstmals bergauf, weit kann er nicht sein, der Bisamberg. Entlang der Brünner Straße geht es zum Rendezvous Berg, bei dem ich (nur mit Mühe) die Brünner Straße quere. Hier hatte Erzherzog Karl 1809 den französischen Kaiser getroffen, und gleich mehrere österreichische Kaiser hatten hier eine Jagdhütte, unter anderem auch Franz Stefan, der Gatte Maria Theresias. Seine Jagdgesellschaften hätten den Berg hier als Treffpunkt, quasi als Rendezvous, gewählt. Ich entsinne mich aber dunkel an einen alten österreichischen Film aus den Fünfzigern, Paula Wessely gab die Maria Theresia, der Fred Liewehr den Franz Stefan, und an das verbitterte Gesicht der Wessely, weil sie den Kaiser (Liewehr) bei seiner Geliebten wähnte. Wer weiß ob hier wirklich bloß der Treffpunkt der hochherrschaftlichen Jagdgesellschaft war oder ob der Maria Theresia bei der Erwähnung des „Rendezvous-Berges“ immer das sprichwörtliche G’impfte aufgegangen ist.


Ein Gulasch vom Gehrer?

Langsam wird es Mittag, und ich strebe dem Magdalenenhof zu, der ja am Bisamberg thront. Ich gehe zuerst über eine G’stetten, die in der Wissenschaft, so entnehme ich es einer Schautafel, als „Ruralfläche“ firmiert. Wie den Horizont beschreiben? Wunderbare Ausblicke vom Rinterzelt bis zum Kahlenberg. Meere von Windrädern. In der Ferne die Schlote der Kraftwerke, die Platte, der Donauturm. Ein verschwindender Stephansdom, Milleniumstower, müllverbrennender Hundertwasser. Zwischenzeitlich blinkt die goldene Kuppel des Wasserturms in Favoriten. Beim 63er Wald geht es über ein Schneefeld (die Alpinisten würden Tränen lachen, mir ist es anstrengend genug) weiter, zur Hagenbrunner Straße.

„Die Donau blitzt aus tiefem Grund,
der Stephansturm auch ganz von fern,
guckt übern Berg und säh´ mich gern ...“


  ist die Inschrift des_Eichendorff Denkmals, der hier offensichtlich öfters lustwandelte. Warum ein Oberschlesier den Bisamberg besingt, hat sich mir noch nicht erschlossen.
  Und firmiert der Magdalenenhof? Nein, das Gasthaus ist „bis auf weiteres“ geschlossen, man freue sich auf ein baldiges Wiedersehen. Ich ziehe nicht als einziger enttäuscht weiter. Als Abstieg wähle ich mehr zufällig als beabsichtigt den Klausgraben, der den Bisamberg tief einschneidet. An der linken und rechten Flanke „kleben“ Häuser und ich bewundere abenteuerliche Auffahrten zu schmucken Eigenheimen; ein/e besonders findige/r Häuslbesitzer/in hat sich sogar eine kleine Materialseilbahn gezimmert. Unten angekommen kommt mir die gegend bekannt vor, und tatsächlich, wenige hunderte Meter vom Klausgraben ist der Hauerbetrieb Schilling. Hier hat meine älteste Freundin (alt nicht im biologischen Sinn) ihr rauschendes Hochzeitsfest begangen, aber leider, zu Mittag hat der Schilling geschlossen. Also ums Eck zum Vintschger’l, die Braut wurde seinerzeit hierher nicht entführt, aber das hätte man durchaus andenken können.

Avenue Wagram, Schnellbahnunterführungen und Jedlersee

Bei der Strebersdorfer Schnellbahnstation geht’s dann weiter, Autokaderstrasse (ein wundervoller Name), und über die Jedlerseer Brücke zur Donauinsel.  Ich bin mürbe und will heim. Über den Nordsteig zum Endpunkt, die Schnellbahnstation Nußdorf.


Samstag, 2. März 2013

Wienumrundung, Teil II: Von der Donau nach Gerasdorf


1. März 2013

Kaisermühlen - Lobau – Dechantlacke – Napoleonweg - Essling - Neuessling - Hirschstätten - Breitenlee - Gerasdorf.

26 km, 120m Aufstieg, 134m Abstieg.

Gegen Mittag, am ersten Tag der Sedisvakanz,  besteige ich die U2 und reise an die Donau, genauer an die Donaustadtbrücke. Ich schwindle also ein bisschen, und kehre nicht nach Freudenau zurück – um diese Tageszeit ist die Busverbindung  eher schütter, und anstatt in der Donaumarina eine halbe Stunde zu warten kürze ich so ab.

Leider ist, gegen die Wettervorhersage, von Sonnenschein nichts zu sehen und allzu trübes Wetter begleitet mich den ganzen Tag. In einer Shell, kurz nach der U-Bahnstation, nehme ich mein Mittagessen ein, schon auch deswegen, weil hier ansonsten im Spätwinter nichts ist: die Gasthäuser, die Standln, die Kioske sind alle noch in Winterpause. Zu Beginn überholt mich noch ein Kleinlastwagen der via Donau, der auf der Ladefläche einen Außenbootmotor spazieren fährt. Aber dann beginnt die Stimmung seltsam zu werden, kein Radfahrer hat sich hierher verirrt, obgleich der Radweg nach Hainburg hier beginnt, kein Jogger, kein Spaziergänger mit Hund. Was nicht zu dieser Einsamkeit in der Stadt passen mag ist die Geräuschkulisse: hinter einem Erdwall brausen die KraftfahrerInnen verborgen vorbei und auch die Ostbahn ist weithin zu hören. Und aus den Kanaldeckeln steigt nicht der beste Duft empor. Der Winter hat die Landschaft noch fest im Griff, und die einzigen Spuren des Frühlings sind wenig später ein paar niedergetretene Schneeglöckchen in einem kleinen Vorgarten. Gut ist’s, dass ich bei tristem Novemberwetter meine Handschuhe mithabe. Wo ansonsten entlang der Donau Schweine und Lämmer bruzzeln, sieht man nur schwarze Mulden voller Holzkohlenstaub. 
Vor gar nicht allzu langer Zeit dürfte die Donau Hochwasser geführt haben, ein paar Schlammreste auf der Straße zeugen davon, aber auch die noch nicht entfernten Absperrungen. Ich gehe entlang des Kaisermühlendamms in Richtung Villa Wahnsinn. Später heißt‘s dann Biberhaufenweg, und man sieht hier, gegenüber der Donauinsel und wenig später in der Lobau, die Spuren der namensgebenden Viecher.

Chefredakteure, ihre Kalbsbackerln und die Windräder

Am Horizont sieht man zwei kümmerliche Windräder, die einsam auf der Donauinsel ihre Runden drehen. Der niederösterreichische Landesvater würde sich in’s Fäustchen lachen, wenn er die sieht. Windräder und sie bekämpfende und befürwortende Bürgerinitiativen sind ein mich faszinierendes Thema, das auch den aktuellen Falter, den Leitartikel und seinen Chefredakteur dominiert. Es scheint ein Muster zu sein, dass älter werdende JournalistInnen ihre Liebe zum Kochen entdecken und ins Waldviertel ziehen. Dort blicken sie aus dem Küchenfenster, wohlgefällig auf ihre vor sich hinschmurgelnden Kalbsbackerln (mit frischem Lorbeer) blickend, und fürchten sich, obwohl eigentlich grün - und alternativenergiebewegt, dass die sanften Hügel vor ihrer Zweitwohnsitzhaustür von einem Windrad verschandelt werden. Das Yin und Yang des Windrades.
Beim „Roten Hiasl“, einem wenig einladen Lokal („erste Wiener Fahrradtankstelle“) zweige ich in Richtung Lobau ab und besuche das Nationalparkhaus Lobau, das auf die Liste „das kann ich auch mal mit den Kindern besuchen“ kommt.

Kein Bärlauch an der Dechantenlacke

Die Dechant-Lacke und das sie bewohnende Schwanenpaar leiden unter den Resten ihrer winterlichen Decke. Ringsum zwischen Birken, Weiden und Pappeln keine Spur von Bärlauch oder auch nur Bärlauchspitzerln; es war ohnehin nur eine kurze, in mir aufkeimende Hoffnung. Nach dem Josefsteig stoße ich auf die Vorwerkstraße, und unter mächtigen Starktromleitungen komme ich zum Napoleonstein. Hier zweigt der Weg  Richtung Essling ab, und auf dem Schotter begegnet mir eine überschminkte Dame mit wallendem Mantel und in Stöckelschuhen, die mit ihrem Vater, am Telefon, ihre Beziehungsprobleme mit einem ‚Rainer‘ diskutiert und so gar nicht hierher passt. Links Schilf, rechts landwirtschaftliche Nutzfläche mit einem einsamen schwarzen Raben.
Bei der Esslinger Furt verlasse ich die Lobau. Das im chinesischen Stil gehaltene Gasthaus „Jadewald“ ist wegen Umbau geschlossen, im reich verzierten Betonbiotop im Gastgarten tummeln sich keine übergewichtigen Goldfische, sondern am Grund des Beckens liegen nur die Reste eines japanischen Zierapfels.


Hier hat das Haus noch Grund und Esslings Liebreiz

In der Kirschenalle hat das Haus noch Grund. Umso mehr ist es verwunderlich, dass einer der Eigenheimbesitzer seinen gesamten Garten, ja, asphaltiert hat. Ein paar weiße Parkplatzstreifen sind die einzige Zierde hier, und kein Grashalm stört das Idyll. Ansonsten ist zur schnurgerade Kirschenallee zu sagen, dass sie von Kirschbäumen gesäumt ist und mit ihren über 118 Nummern durchaus Länge aufweist.
Esslings Liebreiz ist endend wollend. Hier versage ich mir, das Wiener Restaurant „Esslinger Queen“ aufzusuchen und nehme meine Jause im örtlichen Zielpunkt ein. Dort, eine Leberkäsesemmel eröffnend, werfe ich einen Blick auf meine emails. H. berichtet, dass er an diesem Tage zu seiner Weltreise aufgebrochen ist – Mumbai, Osterinseln, Japan und ähnliches. Nach Essling kommt er nicht. Essling geht in Neuessling über, vorher durchquere ich noch den Wald der jungen WienerInnen aus dem Jahre 1998, eine Aufforstungsaktion der MA49. 10.000 Bäume werden p.a. in den waldärmeren Gegenden Wiens gepflanzt, 15 Jahre sind jedenfalls kein Alter für einen Wald.


Skaleneffekte im Neubau

Dann stoße ich auf klassische Neubaugebiete rund um die Karl Beck Straße. Die Polizei greift hier regelmäßig betrunkene Familienväter auf, weil sie ihre Häuser nicht unterscheiden können und den Heimweg nicht mehr finden. Kein Wunder, selbst die vertrockneten Erika-Stöckerl auf den Klofenstersimsen gleichen einem den anderen, von Haus zu Haus. Aber auch ein wenig weiter, in der Casinonestraße, haben die BauherrInnen bis in die letzte Konsequenz Skaleneffekte lukriert. Es wäre ein interessantes Projekt, einmal die Einfamilien-Neubausiedlungen der letzten Jahre zu dokumentieren. Die architektonische Uniformität ist jedenfalls am Vormarsch. Ich bin froh, wieder in Gegenden zu kommen, in denen die Siebziger und Achtziger dominieren und die obligaten Steinlöwen am Gartentor.
Vom Telefonweg (mit 8 km angeblich Wiens längster Weg) geht es weiter Richtung Hajdjöchl. Hier sehe ich wieder ein Glashaus, von denen ich, angesichts der vielen wässrigen Wiener Gurken und Tomaten, hier im Zentrum der Wiener GärtnerInnen, vielmehr erwartet hätte. Man versteht sich hier auf das Flicken zerborstener Glashausglasflächen, nicht nur eine Scheibe ist in Eigenregie repariert. Weiter auf der Ostbahnbegleitstraße, die im übrigen erst 1988 so benannt wurde und von wenig Phantasie in der Straßennamengestaltung in der ersten Legislaturperiode Zilk zeugt.

An der Stadtentwicklung vorbei

Hier, irgendwo zwischen Telefonweg und Ostbahnbegleitstraße, verliere ich den Faden und somit den Weg. Ein Grund hierfür ist sicher der mächtige Betonguß am Horizont, der Schotterberg und das lange Grübeln, was zum Teufel das hier wohl eigentlich ist – das Stadterweiterungsgebiet Seestadt Aspern. Heute besteht es noch aus einer einsam im Wind flatternden Fahne und einer Bohranlage zur Sondierung der Geothermie. Vom ehemaligen Flugfeld oder den späteren Autorennen dort findet man keine Spur. Ich habe also den markierten Weg verlassen, und anstatt endlich zu den Pony-Seen zu gelangen – eigentlich ein Höhepunkt der Wienumrundung – marschiere ich nicht endend wollend entlang der jungfräulichen Betonmauer der U2-Verlängerung, zur Linken ein Wohntraum im Kleingartenbereich, Sonnenuhren an den Wänden, Krickerlschmuck, blecherne Carports.
Endlich kann ich die U2 unterqueren, ich komme in Richtung Quadenstraße zum Gasthaus Hansi, in dem ich den Nachmittagskaffe einnehme.  Morgen gebe es Tanz mit Frankie Martin, jeden Mittwoch trifft sich hier die Sektion 2 der Donaustadt zum Stammtisch, und ein Speed-Date-Seminar wird ebenfalls beworben.
Im 22. Bezirk gibt es noch unbefestigte Straßen, wie die Bodadskygasse und die Grete Zimmergasse, über die ich jetzt weiter ziehe. Keine Spur von der Markierung des Wanderweges, aber das macht nichts, es wird hier anderswo auch nicht schöner sein. Neurisse, Breitenleer Straße, Schottenobst - Obstbau aus den Klostergärten, gleich neben dem Breitenleer Kircherl. Im Agavenweg stoße ich wieder auf den Stadtwanderweg 10. Gleich daneben ein tief eingegrabener Schotterteich mit wenig Schilf und einigen hübschen Häusern, man könnte in Breitenlee auch nett wohnen. (Agave, Akazie, Azalle, Schneeball, der Straßennamensgeber hat es hier mit Pflanzen). Ich stoße an die S2 und irre ein wenig in der einbrechenden Dämmerung umher, insgesamt überschreite ich die Schnellstraße dreimal, in Serpentinen nähere ich mich einem riesigen Möbel Ludwig. Nun wäre es stimmig, hier noch mein Abendessen einzunehmen, einen Grillteller mit Mägele-Kräuterbutter zum Beispiel, oder im danebenliegenden Zgonc Berner (wenn es sowas wie ein Zgoncrestaurant gibt). Ich gehe aber weiter und bekomme Zug zum Tor, über den Campingplatzweg geht es zu meinem Ziel in Gerasdorf.